"Ich bin nicht schüchtern, ich habe eine soziale Phobie."

Sonntag, 10. März 2019

Ich bin nicht schüchtern, ich habe eine soziale Phobie!
Photo by Hailey Kean on Unsplash
“Sei doch nicht so schüchtern!”
“Meine Tochter ist ein bisschen schüchtern.”
“Nein, alles okay, sie ist nur schüchtern.”

Schüchtern, schüchtern, schüchtern. Seit ich denken kann, wird dieses Wort verwendet, um mich zu beschreiben. Mehr als jedes andere. Oder, wenn ich so darüber nachdenke, überhaupt als einziges. Manchmal denke ich, ich sei überhaupt nichts anderes, außerhalb des Begriffs “schüchtern”. Da ist es umso schlimmer, dass dieser Begriff gar nicht wirklich zutrifft - zumindest schon lange nicht mehr.

Ich bin nicht schüchtern, ich habe eine soziale Phobie. 

Ja, die Grenzen sind fließend, ja, aus Schüchternheit kann sich eine soziale Phobie entwickeln, und ja, Kinder oder Jugendliche mit schüchterner, ängstlicher Persönlichkeit entwickeln sie besonders häufig. “Schüchtern” ist also nicht komplett falsch. Aber es greift zu kurz. Ich traue mich nicht nur nicht, ich stelle mich nicht nur an. Ich bin psychisch krank.

Eine soziale Phobie ist eine Angststörung. Entgegen der verbreiteten Annahme ist sie auch eigentlich keine Menschenangst, sondern eine Situationsangst, nämlich die zwanghafte Angst vor negativer Bewertung in Situationen, in denen der*die Betroffene sich von Außenstehenden beobachtet fühlt. Manche Betroffene spüren diese Angst nur in ganz spezifischen Situationen, die häufigste Form der Situationsangst, unter der ich auch leide, ist die allgemeine Form der sozialen Phobie. Die zwanghafte Angst tritt hier in den meisten oder sogar allen zwischenmenschlichen Situationen auf, wenn auch in der Regel mit unterschiedlicher Intensität. Ob ich nun kurz bei den Nachbarn klingeln muss, mich mit jemandem treffe, der nicht zu meinem allerengsten Kreis zählt oder ein Vorstellungsgespräch habe: Angst, Angst, Angst.

Ich weiß, ich muss, aber ich kann nicht!

Diese Angst führt zu etwas, das bei “nur” schüchternen Leuten nicht oder auf jeden Fall eingeschränkter zutrifft: ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Und damit meine ich nicht: ich drücke mich oft um soziale Situationen, die mir unangenehm sind. Damit meine ich: ich hätte fast mein erstes Studium abgebrochen, weil es mir unmöglich erschien, mich für ein Praktikum zu bewerben und war seit drei Jahren nicht mehr beim Zahnarzt, weil ich nicht dort anrufen kann. Eine schüchterne Person kann sich in der Regel überwinden, wenn sie unbedingt muss. Ein*e Sozialphobiker*in kann es oft selbst dann nicht und nimmt lieber negative Konsequenzen in Kauf. Und das, obwohl uns oft selbst bewusst ist, dass unsere Ängste unbegründet und übertrieben sind. Sie haben einfach eine viel zu große Macht über uns.

Die Macht der Angst kann so stark sein, dass sie zu immer stärkerem Rückzug bis hin zur kompletten Isolation führen kann. Sie verursacht unentschuldigte Fehlzeiten in der Schule oder auf der Arbeit, abgebrochene Ausbildungen und Arbeitslosigkeit, weil eine Bewerbungssituation unerträglich wirkt. Sie macht einsam, bewirkt einen Teufelskreis aus Selbstvorwürfen und Selbsthass, die wiederum die Angst befeuern. Und sie führt oft psychosomatische und psychische Folgeerkrankungen mit sich, wie Agoraphobie, Panikattacken oder Depressionen.

Es kann besser werden, aber es verschwindet nie.

Kein Wunder, dass manchmal alles hoffnungslos und ein Überleben in einer extrovertierten Welt, in der Sozialkompetenz alles ist, unmöglich scheint. Soziale Phobie ist nicht heilbar. Mit viel Anstrengung und (Verhaltens-)Therapie kann man lernen, mit der Angst besser umzugehen. Auch Medikamente können helfen. Ich schaffe heute so viel mehr als noch vor zwei, drei Jahren. Aber egal, wie gut alles zu laufen scheint, ich bin nicht “geheilt”. Nach vielen, vielen guten Tagen oder sogar Wochen kommt unweigerlich ein Rückfall und ich schaffe etwas nicht, was ich vorher schon gemeistert habe. Ich vermeide etwas, was eigentlich super wichtig ist und unbedingt erledigt werden müsste. Oder ich verlasse mein Zimmer nicht, weil allein der Gedanke daran, anderen Menschen auf der Straße zu begegnen, mich in Panik versetzt.

Ich bin nicht schüchtern, ich habe eine soziale Phobie. Eine psychische Krankheit, die ebenso real ist wie eine Grippe oder ein gebrochenes Bein. Eine Krankheit, die schreckliche Folgen haben kann und verdammt noch mal ernst genommen werden sollte. Und dem nächsten, der mir sagt oder schreibt “Komm, stell dich nicht so an”, dem boxe ich (virtuell) ins Gesicht.


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