Sei jetzt glücklich, aber sofort! - oder: wie ich mir die Selbstfürsorge sabotiere.

Freitag, 2. November 2018 Umeå, Schweden


Was laut meiner Therapeutin, dem Internet und guten Ratschlägen auf Instagram bei (Winter-)Depressionen hilft: Tageslicht, gesundes Essen, Sport, frische Luft, Leute treffen, ein geregelter Tagesablauf.

Was ich mir deshalb bei den ersten Anzeichen einer neuen depressiven Episode auf meine To-Do-Liste schreibe: jeden Tag eine Stunde rausgehen, jeden Tag gesund und frisch zubereitet essen, jeden Tag Yoga und mindestens 2x wöchentlich anderen Sport, mindestens jeden zweiten Tag etwas mit Freunden unternehmen, jeden Tag gleichzeitig (früh!) aufstehen und eine Routine durchziehen.

Was davon ich während einer depressiven Phase tatsächlich hinbekomme: jeden Tag zumindest kurz das Fenster aufmachen, mich nicht ausschließlich von Schokolade und Brot mit Erdnussbutter ernähren, den Weg vom Bett zur Toilette oder in die Küche (sogar mehrmals!), mit nur 2-3 Stunden Verspätung auf WhatsApp-Nachrichten antworten und an den meisten Tagen vor 12:00 Uhr aus dem Bett rollen.

Lerne ich daraus für meine nächste To-Do-Liste? Bisher eher nicht. Denn mein großes Problem bei dieser Sache, das bestimmt auch viele andere kennen, ist: ich habe nicht „nur“ mit Depressionen zu kämpfen, sondern auf der anderen Seite auch mit Perfektionismus und Versagensangst. In meinem Kopf findet ein ständiges Kräftemessen statt. Antriebslosigkeit vs. selbstgemachter Leistungsdruck. Es bleibt spannend – der Gewinner steht noch nicht fest! Der Verlierer hingegen schon, das bin nämlich ich. Denn egal, wie der Kampf ausgeht, das Ergebnis ist immer das gleiche: Selbstvorwürfe und das Gefühl der Leistungsunfähigkeit.


Die Depression so: mach' heute gar nichts!


Antriebslosigkeit gehört neben Niedergeschlagenheit zu den Kernsymptomen der Depression. Da das alltägliche Leben aber dennoch keine Pause einlegt, fühlen Betroffene, so wie ich, sich häufig überfordert. Nicht nur, dass man sich nicht belastbar fühlt und der „innere Schweinehund“ einfach unüberwindbar scheint. Selbst wenn man es tatsächlich schafft, sich an die Arbeit zu machen, braucht man für jede Aufgabe viel länger als sonst, kann sich nicht konzentrieren, sich nichts merken, keine wirklich klaren Gedanken fassen. 

Dazu kommen all die Dinge, die unsere moderne Gesellschaft ausmachen und die schon für im Grunde gesunde Menschen manchmal überfordernd sind, aber erst recht für jemanden mit Depressionen. Alles ist laut, alles ist schnell, man muss ständig erreichbar sein und ständig Leistung bringen (und zwar am besten in mehreren Bereichen gleichzeitig). Hat soziale Pflichten und soziale Medien, aber absolut keine Zeit – am allerwenigsten dafür, einfach mal nichts zu tun. Aber genau dazu zwingt einen die Depression. Sie nimmt einem die Kraft zu allem außer dem Nichtstun. Aber weil das in unserer Leistungsgesellschaft gleichbedeutend ist mit Faulheit, kommt zu alledem noch das schlechte Gewissen wegen der eigenen „Unfähigkeit“.


Der Perfektionismus so: mach' alles! Sofort! Und wehe, es klappt nicht!


Bei ausgeprägten Perfektionist*innen wie mir ist dieses schlechte Gewissen besonders hoch, da wir immer nur das sehen können, was wir hätten besser machen können, was nicht unseren Erwartungen entspricht. Und diese Erwartungen haben oft mit realistischen Zielen nichts zu tun – siehe meine To-Do-Liste. Das Ergebnis: es stellt sich nie, nie, nie das Gefühl ein, etwas erfolgreich geschafft zu haben (denn irgendwas hätte man immer anders/besser machen können) und man steht unter permanentem Stress. Und zwar erst recht, wenn der eigentliche Gegenpol zum Leistungsdruck, die Selbstfürsorge, zu einem weiteren Punkt auf der Liste wird.


Und alle so: Self Care!


Normalerweise bin ich eine der Ersten, die dagegen argumentiert, wenn in der „Selfcare-Szene“ (ihr wisst, was ich meine) die sozialen Medien als Teufelszeug verschrien werden. Aber für eine negative Folge der weltweiten Vernetzung finde auch ich kein ausgleichendes Positivbeispiel: die Gefahr, sich nun nicht mehr nur mit Leuten aus der eigenen Stadt, sondern von fast überall auf dem Planeten zu vergleichen. Und zwar mit der Version dieser Leute, die sie bewusst präsentieren. Eine häufig genannte Lösung dafür ist es, den Accounts, die einen zu Vergleichen verleiten und einem nicht guttun, zu entfolgen. Und da stimme ich auch absolut zu! Ich folge keinen dünnen, weißen, blonden Mädchen, die gefühlt jeden Tag auf eine andere tropische Insel reisen. Weil mich dieser Content
  • a) wirklich Null interessiert, aber
  • b) aus irgendeinem bescheuerten Grund trotzdem dazu führt, dass mir mein eigenes Leben minderwertig vorkommt.

Aber was ist, wenn du nur noch Accounts folgst, die zu Selbstliebe und Selbstfürsorge anregen, die Tipps für ein nachhaltiges Leben geben (ohne erhobenen Zeigefinger!), die dich motivieren und inspirieren – aber von denen du dich trotzdem gleichzeitig auch unter Druck gesetzt fühlst?


Selbstfürsorge und Selbstüberforderung


Self-Care-Tipps sind wunderbar – wenn man sie als Tipps ansehen kann und nicht als verpflichtende Aufgabe. Und genau da liegt mein Problem. Die Depression und meine dadurch verringerte Leistungsfähigkeit sind ein Makel, den mein perfektionistisches Gehirn ausmerzen muss, und Selbstfürsorge in diesem Mindset nur ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck. Ziel ist: innerhalb von möglichst kurzer Zeit von nullprozentiger auf hundertprozentige Leistungsfähigkeit zu kommen. Und ach ja, es darf auch niemand merken, dass das gerade anstrengend ist. Ich sauge alle Tipps, Ideen und Routinen auf wie ein Schwamm. Und anstatt sie mir anzuschauen und zu filtern, was mir helfen könnte, bastele ich einen 100-schrittigen Aktionsplan. Ich probiere nicht aus, ich „mache-ab-jetzt-immer“. Ich lege mir nicht jeden Monat eine neue positive Gewohnheit zu, ich habe ab sofort eine mehrstündige Morgen-, Nachmittags- und Abendroutine. Ich setze nicht einen Vorschlag nach dem anderen um, sondern alle, und zwar täglich. Und wenn ich dann nicht von der Depression geheilt bin, muss das daran liegen, dass ich so eine Versagerin bin.

Führt dieses Vorgehen zum Erfolg? Nö. Nie. Nicht ein einziges Mal. Womit wir wieder am Anfang dieses Artikels wären. Er dreht sich genauso im Kreis wie meine Gedanken. Ich habe keine Lösung für dieses Problem. Wenn ich eine hätte, würde ich sie so gerne mit euch teilen.

Aber so bleibt für den Schluss nur ein kleiner Gedanke: vielleicht sollten wir versuchen, das „Selbst“ in „Selbstfürsorge“ nicht zu vergessen. Uns nicht zwanghaft an (wenn auch sinnvollen!) Vorschlägen anderer zu orientieren, sondern an den Bedürfnissen, die unser Körper und unsere Seele äußern. Vielleicht ist das Yoga, ein langer Spaziergang oder Journalling am Morgen! Aber vielleicht ist es manchmal auch einfach nur Erdnussbutter und Schokolade.

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