Eine Begegnung mit meinem vergangenen Ich und was ich von ihm lernen kann

Mittwoch, 10. Januar 2018

Irgendwann Anfang oder Mitte Dezember gab mir meine älteste und beste Freundin den Tipp, mir auf Facebook mal unsere Freundschaft anzeigen zu lassen.
Da ich zu dem Zeitpunkt gerade damit beschäftigt war, einen Text für die Uni zu lesen, der...naja, sagen wir mal, der mich mäßig fesselte, nahm ich diese Gelegenheit zur Ablenkung gerne an und scrollte also mehrere Stunden lang durch knapp acht Jahre auf Facebook gelebte Freundschaft. Und fand viel lustiges, viel Erinnerungen wachrufendes, manches für mich heute nur noch verwirrende (es ist ein echt merkwürdiges Gefühl, ein Outsider der eigenen Insider-Witze zu sein!) aber vor allem die irgendwie echt schockierende Erkenntnis, dass die Cora von vor 8, 7, 6 Jahren und die Cora von heute so unterschiedlich sind, dass es schwer fällt zu glauben, dass es dieselbe Person ist.

Die Cora gegen Ende ihrer Schulzeit war mitteilungsfreudig (zumindest online), sie konnte Zuneigung ausdrücken ohne sich dabei unwohl zu fühlen, war eingebunden in verschiedene Gruppen und Freundeskreise. Den Facebook-Statusmeldungen zufolge gab es jede Woche mehrere Treffen mit Freunden, auf die sie sich freute, sie war bekannt für bunte Kleidung, viel backen und gute Laune, und zumindest dem zufolge, wie sie sich online präsentierte, war sie eine sehr positiv eingestellte und hoffnungsvolle, wenn auch schüchterne, unsichere und ängstliche junge Frau.

Fast forward 7 years: die Cora aus dem Jahr 2017 ist immer müde und findet kaum Motivation. Glücksmomente werden in der Regel nach kurzer Zeit überschattet von negativen Emotionen. Über allem schwebt wie eine dicke graue Wolke die Angst und die Niedergeschlagenheit. Sie sieht ihre einzige wirkliche und auch in der Nähe lebende Freundin vielleicht einmal pro Woche, und trotzdem muss sie sich jedes Mal dazu überwinden, weil sie so wenig Energie übrig hat, dass ihr selbst das zu anstrengend erscheint. Ihr Blick in die Zukunft ist nicht hoffnungsvoll, sondern im besten Fall ein großes Fragezeichen, im schlimmsten die Gewissheit, in dieser Gesellschaft, in diesem Leben niemals glücklich sein zu können. Sie fühlt sich nirgendwo wirklich zugehörig und ist zu gehemmt, um ihren liebsten Menschen, seien es Freunde, Familie oder sogar ihrem Partner, zu sagen, wie viel sie ihr bedeuten - wahrscheinlich aus der irrationalen Angst heraus, als Reaktion Ablehnung zu erfahren. Sie ist viel stiller geworden, denn irgendwie gibt es nichts mehr, was sie zu sagen hat. Sie backt nur noch zu den Gelegenheiten, zu denen es so erwartet wird, und hat die bunte Kleidung durch verschiedene Grautöne ersetzt. Nur die Unsicherheit, die ist geblieben.

Irgendwann in den letzten 5 Jahren hab ich mich verändert. Ob es eine schleichende Veränderung war oder ob es einen Wendepunkt gab, den ich jetzt nur nicht mehr erkenne, kann ich nicht sagen. Aber diese Veränderung gefällt mir nicht.

Im Internet ist es weit verbreitet, sich in einer Art "Brief" an das jüngere Selbst zu wenden und diesem von einer zukünftigen Perspektive mit mehr Weisheit oder zumindest mehr Lebenserfahrung aus Zuspruch oder auch Rat zu geben. Und während ich meinem vergangenen Ich durchaus auch viel hilfreiches oder tröstliches erzählen könnte - schließlich wäre es auch mehr als traurig, wenn ich in all den Jahren absolut gar nichts dazugelernt hätte -, möchte ich den Schritt heute in die andere Richtung gehen und mir anschauen, was ich von meinem jüngeren Ich lernen kann. Denn vielleicht kannte Cora früher sich selbst noch nicht so gut oder hatte für vieles, das sie fühlte und an sich bemerkte, noch keinen Namen. Aber sie war glücklicher, als ich es jetzt bin. Und deshalb muss sie ein paar entscheidende Dinge richtig gemacht haben.

1. Mach' dir nicht so einen großen Leistungsdruck!

Cora früher hat die Schule nicht so bitterernst genommen. Ihre Noten waren ihr schon wichtig, so war es nicht. Aber  es waren eben die Klausurergebnisse, die zählten, und nicht, ob jede einzelne Hausaufgabe gemacht war. Aufgerufen zu werden und nichts zu haben war unangenehm, ja, aber keine Katastrophe. Die Hausaufgaben wurden abends erledigt, aber nur, bis sie merkte, dass sie sich nicht mehr konzentrieren konnte. Was noch übrig und wichtig war, konnte am nächsten Morgen noch erledigt werden, und was auch dann nicht mehr geschafft wurde - nicht so schlimm! Unvorbereitet in den Unterricht zu gehen - für Cora heute manchmal Auslöser von Heulkrämpfen - war für Cora früher kein Weltuntergang. Und das sollte mein heutiges Ich definitiv auch wieder lernen.

2. Gönn' dir deine Auszeit!

Cora früher war spätestens um 17:00 Uhr von der Schule zuhause. Dann hat sie gelesen, im Internet gesurft oder auch mal stumpfsinniges Nachmittags-Trash-Fernsehen geschaut, bis ihre Energiereserven wieder einigermaßen aufgefüllt waren. Erst danach war daran zu denken, die Hausaufgaben zu machen, oder auch daran, noch einmal loszuziehen und Freunde zu treffen! Wäre sie wie mein heutiges Ich täglich 12 Stunden ununterbrochen von anderen Menschen umgeben , wäre Cora früher sicher auch nicht gut gelaunt und aufgeweckt. Aber ohne von Introvertiertheit oder Hochsensibilität irgendeine Ahnung zu haben, hat sie es deutlich besser als ich heute geschafft, diesen Persönlichkeitsanteilen im Alltag gerecht zu werden. Merk' dir das, wenn du nächsten Monat die Kurse für das nächste Semester wählst!

3. Such' dir ein regelmäßiges Hobby!

Das ist vielleicht der deutlichste Unterschied. Cora früher hatte einmal wöchentlich Musikunterricht, war zweimal pro Woche in einer christlichen Gemeinde im Ort und hatte mindestens einmal, sobald es auf die Aufführung zuging auch mehrmals, pro Woche Theaterproben. Und verbrachte damit pro Woche mehr Zeit mit ihren Hobbys als ich heute pro Monat. Denn der springende Punkt bei regelmäßig festgesetzten Terminen ist, dass sie, nun, regelmäßig und festgesetzt sind. Und klar kann man in der Woche vor der schwierigen Mathearbeit mal den Gitarrenunterricht sausen lassen oder bleibt, wenn man einfach einen Scheißtag hatte und niemanden mehr sehen will, mal aus dem Jugendkreis zuhause. Aber man kommt viel weniger leicht in Versuchung, die Sachen, die man einfach so aus Interesse oder Spaß macht, zugunsten von To-Dos oder einfach aus Faulheit bleiben zu lassen. Weil es einfach normal geworden ist, zu einer bestimmten Zeit diese bestimmte Sache zu machen und vor allem, weil da jemand ist, der dich erwartet.
Am Anfang, als ich nach Wiesbaden gezogen bin, hab ich noch versucht, diese Hobbys aufrechtzuerhalten. Ich war ein, zwei Mal im Jugendkreis einer Kirchengemeinde und hatte mir ein paar Laientheatergruppen im Internet herausgesucht. Aber entweder habe ich mich schon von Anfang an nicht überwinden können, ganz allein als "Neue" zu einer existierenden Gruppe dazuzukommen oder ich habe mich zu awkward gefühlt und bin irgendwann einfach nicht mehr hingegangen und habe mich stattdessen in der Sicherheit meines Studentenzimmers mit denjenigen meiner Interessen beschäftigt, die man auch alleine und zuhause machen kann. Und irgendwann auch mit diesen nicht mehr wirklich. Ich meine, ich kann mich kaum noch eine Viertelstunde am Stück auf ein Buch konzentrieren, verdammt! Anyway, das im letzten Absatz geschilderte Problem bringt mich gleich zu Punkt 4:

4. Such' dir jemanden mit den gleichen Interessen!

Wisst ihr noch, die Freundin, die ich ganz am Anfang erwähnt hab? Sie war es, die mich in die christliche Gemeinde "mitgeschleppt" hat und nur, weil sie auch dabei war, hab ich mich überhaupt getraut, zu meinem ersten Treffen der Theater-AG zu gehen (alleine? Never ever!). Zwar hat sie mich nicht dazu überredet, Musikunterricht zu nehmen, aber sie hat relativ zeitgleich begonnen, das gleiche Instrument zu spielen und mich danach immer wieder dazu gebracht, mit ihr zusammen zu musizieren und auch mal Stücke zu üben, die nicht dem Stil entsprachen, den ich im Unterricht gelernt habe.
Die Erfahrungen, die ich in meinen ersten Wochen hier in Wiesbaden gemacht habe, haben mir gezeigt, dass es nicht nur die Tätigkeiten an sich waren, die mir so große Freude bereitet haben, sondern zu einem sehr großen Teil die Leute, mit denen ich sie gemacht habe. Andererseits zeigt mir mein momentaner Alltag, dass es mir auch nicht ausreicht, mich "nur" mit Leuten zu treffen. Ich mag meinen Freund und meine Freundin hier in Wiesbaden sehr gerne, aber wir haben eigentlich kaum bis keine gemeinsamen Interessen - zumindest keine, die sich als gemeinsam ausübbare Hobbies zeigen. Wir können über viel zusammen reden und lachen, und das ist wundervoll, aber was Freizeitaktivitäten angeht, sind wir echt verschieden. Und ich merke immer mehr, wie sehr ich es vermissen, etwas zu tun, was ich gerne mache, mit Menschen, die ich gerne mag. Und ich glaube, dass zwischen Punkt 3 und Punkt 4 dieser Liste ein Zusammenhang besteht, der sich für mich zu einer Art Teufelskreis entwickelt hat: weil ich niemanden kenne, der sich auch für XY interessiert, traue ich mich nicht, mit XY anzufangen. Und weil ich nicht mit XY anfange, lerne ich natürlich auch niemanden kennen, der sich für XY interessiert.
Der rational denkende Teil meines Gehirns ist sich schon bewusst, dass die einfachste (und wahrscheinlich einzige) Lösung dafür wäre, sich zu überwinden und mit XY anzufangen und so Leute kennen zu lernen, aber der andere, angststörungsgesteuerte und leider übermächtige Teil verursacht mir jetzt gerade schon Herzrasen bei dem bloßen Gedanken daran. Da muss ich noch schauen, wie ich das hinkriege. Aber das ist hier ja nicht das Thema und vielleicht sogar stattdessen Thema für einen ganz eigenen Blogpost.

Eigentlich hatte ich noch einen fünften Punkt im Kopf, aber irgendwie habe ich mich jetzt selbst so sehr abgelenkt, dass ich den vergessen habe. Vielleicht sollte ich in Zukunft doch anfangen, die Blogposts wenigstens grob zu planen....

Mich würde mal interessieren, ob ihr auch glaubt, von eurem vergangenen Ich etwas lernen zu können, und wenn ja, was?

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