Vom achtsamen Umgang mit mir selbst

Sonntag, 10. Februar 2019




Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Unsere Leistung bestimmt unseren Wert und deshalb bestimmt sie auch unser Leben. Alles muss sofort, schnell aber trotzdem fehlerfrei passieren. Wir müssen funktionieren. “Funktionieren”, wie Maschinen. Maschinen brauchen keine Pausen, müssen nicht mal durchatmen oder mal den Kopf frei bekommen. Also erlauben wir uns das auch nicht. Mit der Folge, dass wir von allem, was um uns herum geschieht, gar nichts mehr mitbekommen, uns von Wochenende zu Wochenende hangeln und sonntagabends beim Gedanken an die neue Arbeitswoche verzweifeln. Die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren beinahe verdoppelt. Eine Begleiterscheinung der Beschleunigung. Als Betroffene oder Gefährdete können wir uns nun Selbstvorwürfe wegen unserer “Schwäche” machen. Oder wir können etwas ändern.

Die Frage ist : Wie gehen wir mit uns selbst um? 


Was in unserem rasend schnellen und leistungsorientierte Alltag in der Regel auf der Strecke bleibt, ist ein bewusster Umgang mit uns selbst. Dabei beeinflusst die Art und Weise, wie wir mit uns selbst umgehen, zu einem enormen Teil unsere Gefühle. Aber die meisten von uns machen sich wenige oder gar keine Gedanken darüber, wie sie sich selbst behandeln. Stattdessen geschieht dieser Umgang durch unbewusst eingeübte und nun automatisch ablaufende Programme, die bestimmen, wie wir auf unsere Handlungen (und Nicht-Handlungen) reagieren, wie wir gedanklich mit uns selbst sprechen und inwieweit wir auf unsere Bedürfnisse eingehen. Leider sind auch diese über Jahre hinweg erlernten Programme durch die Leistungsgesellschaft geprägt: nach einem Fehler tendieren wir eher zu Selbstkritik als dazu, uns zu trösten, unserer innerer Monolog besteht oft aus Vergleichen mit anderen und unsere eigenen Bedürfnisse haben niedrigere Priorität als die Erwartungen des*der Chef*in oder anderer Personen. Wir behandeln uns selbst wie Dreck und sind uns dessen nicht einmal bewusst!

Meine eigenen Erfahrungen 


Wie sieht es bei mir persönlich in Bezug auf einen achtsamen Umgang mit mir selbst aus? Ich schaffe es in der Regel auf meine Bedürfnisse zu achten, wenn ich den Kopf dafür frei habe. Aber sobald es stressig wird und ich viel zu tun habe, pushe ich mich viel zu weit, was ich aber währenddessen gar nicht bemerke. Erst wenn der Stress sich wieder beruhigt hat, merke ich, wie viel Energie ich verloren habe. Dann falle ich in ein Loch, wo ich mich auch nicht sonderlich gut um mich kümmere, allerdings im anderen Extrem: den ganzen Tag im Bett verbringen und sinnlos am Handy scrollen, ungesunde Ernährung mit viel Süßigkeiten, viel zu wenig trinken, zu wenig Schlaf… die Liste ist lang.
Meine schlimmsten Angewohnheiten in punkto (mangelnde) Selbstfürsorge sind:
  • unausgewogene Ernährung
  • zu wenig trinken
  • zu wenig Schlaf
  • ein Teufelskreis aus Prokrastination und Selbstvorwürfen
  • das Haus nicht zu verlassen, obwohl mir frische Luft immer gut tut
  • soziale Isolation

Dabei wäre es gerade für mich als Hochsensible besonders wichtig, auf einen bewussten Umgang mit meinen Grenzen und Bedürfnissen zu achten, da das Fass der Reizüberflutung und Überforderung bei mir deutlich früher überläuft als bei vielen anderen!

Was ist ein achtsamer Umgang mit sich selbst und warum ist er wichtig? 


Meinem persönlichen Verständnis nach bedeutet ein achtsamer Umgang mit mir selbst, dass ich aufmerksam beobachte, wie es mir geht - sowohl psychisch als auch körperlich. Denn Gefühle und körperliche Empfindungen sind verlässliche, wenn auch nicht immer eindeutige Hinweise darauf, wie gut es mit dem Beachten meiner Bedürfnisse und Grenzen gerade so läuft. In der Regel gibt es bei mir einen direkten Zusammenhang:
  • müde à ungeduldig und reizbar oder quengelig à unnötige Konflikte à schlechtes Gewissen
  • hungrig à unkonzentriert und schnell abgelenkt à unzufrieden mit mir selbst à Selbstvorwürfe
  • zu wenig getrunken à Kopfschmerzen

Und so weiter. Aber allein, diese Zusammenhänge erkannt zu haben, ist schon ein Zeichen eines bewussteren Umgangs mit mir selbst und ein wichtiger erster Schritt. Was jetzt noch dazu fehlt, so oft wie möglich achtsam mit mir selbst zu sein, ist Übung. Denn die automatischen Programme müssen ja bemerkt, gestoppt und durch hilfreicheres, fürsorglicheres Verhalten ersetzt werden.
Yep, das klingt mühsam und langwierig. Aber es lohnt sich. Denn wir verbringen ja 24 Stunden täglich mit uns selbst. Und wenn das ständig kritisierende und herumkommandierende Selbst gefeuert werden und ein mitfühlendes, verständnisvolles Selbst an seine Stelle treten kann, wird diese Gesellschaft mit Sicherheit deutlich angenehmer.

Wie kann man achtsamer mit sich selbst umgehen? 

Sich selbst kennen lernen 

Eine einfache Methode, achtsamen Umgang mit sich selbst zu üben, die ich auch gerade ausprobiere, ist, mehrmals am Tag kurz innezuhalten und mir ein paar Fragen zu stellen:
  • Was fühle ich gerade?
  • Was empfindet mein Körper?
  • Was nehmen meine Sinne wahr?
  • Was denke ich gerade über mich?
  • Wie behandle ich mich gerade?
  • Welchen Einfluss hat das, was ich gerade tue? Tut es mir gut oder nicht?


So lerne ich mich jedes Mal ein wenig besser kennen und verstehe, wie ich in bestimmten Situationen reagiere und warum, was mir gut tut und was nicht, in welchen Situationen ich besonders dazu tendiere, mich nicht gut zu behandeln. Wichtig ist hier auch, mich für unfürsorgliches Verhalten nicht zu verurteilen!

Offline gehen und Stille genießen lernen

Ein Spaziergang ohne Podcast im Ohr. Ein Frühstück ohne Nachrichtenwebseiten. Mittagspause ohne Social Media oder YouTube. Ein Abend ohne Netflix. Dies sind ein paar Wege, wie ich ab und zu die Flut der Informationen und Eindrücke ein wenig eindämme, mit der wir Tag für Tag überschwemmt werden und die mich nicht selten überfordert.

Die eigene Zeit wertschätzen lernen

Noch bin ich furchtbar schlecht im Neinsagen. Deshalb finde ich mich noch allzu oft in der Gesellschaft von Menschen oder bei Tätigkeiten, auf die ich - zumindest in dem Moment - eigentlich keine Lust habe. Ich rede mir ein, dass ich dadurch hilfsbereit bin, eine engagierte Mitarbeiterin, eine gute Freundin. Aber was ich so eigentlich sage, ist: meine Zeit und meine Energie sind mir so wenig wert, dass jede*r zu jeder Zeit Anspruch darauf erheben kann. Jede*r außer mir selbst, für Dinge, die ich nur für mich tue, oder einfach auch mal zum Nichtstun. Zu groß ist die Angst, andere zu enttäuschen und ihre Erwartungen nicht zu erfüllen. Aber ich enttäusche mich dadurch regelmäßig selbst und habe meine Bedürfnisse schon so oft ignoriert, dass ich inzwischen gar nicht mehr von mir erwarte, auf sie einzugehen. Aber ich kann nicht immer alles für andere tun und nur dann etwas für mich selbst, wenn ich für alles andere zu erschöpft bin. Denn welche Botschaft sende ich mir so denn immer und immer wieder? Dass ich der letzte Mensch bin, der meine eigene Zeit wert ist. Nicht gerade hilfreich für das Selbstwertgefühl!

Sich Zeit zum Entspannen nehmen

Gerade wenn ich viel zu tun habe, kommen die Dinge, die ich gerne und einfach so zum Spaß tue, in der Regel zu kurz. Aber diese Dinge sind wichtig! Denn sie schaffen einen Ausgleich zu den Gedanken an Probleme, Pflichten, “Baustellen” im Leben. Und nur wenn alle Bereiche des Lebens einen (einigermaßen) ausgeglichenen Anteil meiner Aufmerksamkeit bekommen, fühle ich mich wirklich in Balance und finde Ruhe. Weil ich eine Meisterin der Selbstsabotage bin, sind die ersten Bereiche, die in hektischen Zeiten liegen bleiben, ausgerechnet die Bereiche, die für mein Wohlbefinden am wichtigsten sind: Bewegung und Zeit in der Natur, ausreichend Schlaf und gesunde Ernährung. Gerade die ersten beiden Punkte sind aber wichtig, damit ich mich entspannen kann - und Entspannung führt wiederum zu besserer Konzentration und Arbeitsfähigkeit.

Das alles klingt äußerst logisch für Gegenwarts-Cora, aber damit Zukunfts-Cora in der nächsten Klausurenphase daran denkt, muss sich Nahe-Zukunfts-Cora an die eigenen Tipps aus diesem Post halten. Wünschen wir ihr viel Erfolg dabei! Und natürlich auch allen anderen, die versuchen wollen, ein wenig achtsamer und fürsorglicher mit sich umzugehen.

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