Hochsensibilität als Belastung? Von wegen!

Sonntag, 24. Februar 2019



Welche Vorteile hat Hochsensibilität?

Seitdem ich herausgefunden habe, dass ich hochsensibel bin, habe ich den Fokus hauptsächlich auf die negativen Aspekte dieser Eigenschaft gelegt. Das fällt leicht, denn im schnellen, lauten Alltag in einer von Konkurrenz und Leistungsdruck geprägten Gesellschaft ist ein Leben als Sensibelchen oft furchtbar anstrengend. Da ist es naheliegend, diese Charaktereigenschaft zu verfluchen und sich eine dickere Haut zu wünschen. Aber hohe Sensibilität hat auch Vorteile! Einige davon möchte ich hier nun auflisten - als Erinnerung an mich selbst und alle anderen Sensibelchen.

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität kann man als eine Besonderheit im Gehirn betrachten, die bei ungefähr 15-20% der Menschen vorkommt. Unser Gehirn filtert einen Teil unserer Sinneswahrnehmungen heraus, um uns vor Reizüberflutung zu schützen und uns dabei zu helfen, uns auf die momentan wichtige Situation oder Aufgabe zu konzentrieren. Bei Hochsensiblen sind diese Filter durchlässiger - stellt euch z.B. ein Nudelsieb vor anstelle eines Kaffeefilters. Das führt dazu, dass verschiedene Reize intensiver wahrgenommen werden. Dazu zählen Sinneswahrnehmungen, aber auch z.B. Stimmungen anderer Menschen oder die Wirkung von Alkohol, Medikamenten oder Koffein.
Diese gesteigerte Empfänglichkeit kann bei verschiedenen hochsensiblen Menschen in den einzelnen Bereichen unterschiedlich ausgeprägt sein. Nicht alle vertragen z.B. keinen Kaffee oder bemerken sofort die um ein paar Zentimeter kürzeren Haare der besten Freundin. Außerdem variiert die Wahrnehmung natürlich wie bei allen anderen auch je nach Situation und aktueller Verfassung. Die intensivere Wahrnehmung führt dazu, dass Hochsensible in der Regel häufigere oder längere Ruhephasen brauchen um all die Reize zu verarbeiten. Dies wird oft als geringe Belastbarkeit angesehen und als Nachteil betrachtet.
Fest steht jedenfalls: Hochsensibilität ist eine Charaktereigenschaft, keine psychische Krankheit! Sie kann nicht “wegtherapiert” werden, ebenso wenig wie andere Charakterzüge eines Menschen, beispielsweise ein aufbrausendes Temperament oder ausgeprägte Neugier. Zum Thema Charaktereigenschaften: Hochsensibilität ist auch nicht das gleiche wie Introversion, obwohl ein großer Teil der Hochsensiblen introvertiert sind.

Welche Vorteile birgt Hochsensibilität?

Schnelle Erschöpfung und ständige Gefahr der Reizüberflutung - das klingt erstmal nicht sonderlich vorteilhaft. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, gibt es eigentlich für alle Eigenschaften zwei Seiten der Medaille: jemand kann entscheidungsfreudig sein, aber auch unbedacht. Eine hilfsbereite Person kann dadurch auch dazu tendieren, sich ausnutzen zu lassen. Und jemand, der*die optimistisch ist, kann gleichzeitig auch naiv sein. Welche Vorteile kann es also haben, besonders sensibel zu sein?

Hochsensible haben eine besonders feine Sinneswahrnehmung

Viele Hochsensible nehmen mit mindestens einem ihrer Sinne besonders intensiv wahr. Das kann sich z.B. in einem absoluten Gehör äußern, einem Auge fürs Detail oder der Fähigkeit, intuitiv zu wissen, was geändert werden muss, um eine Situation zu verbessern. Oft fallen Hochsensiblen Kleinigkeiten auf, die andere übersehen oder erst viel später bemerken würden. Dies gilt insbesondere auch für Fehler, was in vielen Berufsfeldern ein Vorteil sein kann.

Hochsensible sind gute Zuhörer*innen und lieben tiefe Gespräche

Die Fähigkeit besonders sensibler Menschen, Details wahrzunehmen, kommt ihnen auch in Gesprächen zugute. Nicht nur können sie kaum merkbare Veränderungen in der Mimik und Stimmung des Gegenübers erkennen, sondern erinnern sich oft noch lange Zeit später an Einzelheiten der Unterhaltung. Dies gibt dem*der Gesprächspartner*in das gute Gefühl, beachtet und geschätzt zu werden. Ihr Gespür für die Stimmungen ihrer Mitmenschen und die ausgeprägte Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ermöglicht es Sensibelchen, in Diskussionen mehrere Sichtweisen nachzuvollziehen und im Streitfall schlichten zu können.

Hochsensible sind reflektiert

Zugegeben, diese Eigenschaft kann sich oft auch ins Negative wenden und zu endlose Grübeln führen - aber trotzdem bewahrt sie Hochsensible beispielsweise davor, übereilte Entscheidungen oder voreilig Schlüsse zu ziehen. Sensibelchen betrachten eine Sache in der Regel aus mehreren Blickwinkeln, wägen ab und informieren sich umfassend, bevor sie eine Entscheidung treffen oder sich eine Meinung bilden. Sie haben auch einen Hang zum “Metadenken”, also dem Nachdenken über ihre eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen sowie die anderer Personen. Es kommt selten vor, dass eine HSP (hochsensible Person) etwas unhinterfragt als Tatsache hinnimmt, ohne nach Hintergründen zu forschen.

Hochsensible lernen gerne dazu

Im Zusammenhang mit dem letzten Punkt steht sicherlich auch, dass Hochsensible oft eine Vielzahl unterschiedlicher Interessen haben und jede Gelegenheit nutzen, um ihren Horizont zu erweitern und etwas Neues zu lernen. Sie haben einfach einen Drang dazu, sich immer weiterzuentwickeln, der sich durch ihr gesamtes Leben zieht. Das muss nicht unbedingt krasse Selbstoptimierung sein, sondern einfach ein Interesse daran, immer mal wieder etwas Neues auszuprobieren und andere Richtungen einzuschlagen.

Hochsensible lieben kreatives Denken

Beim Stichwort “Kreativität” denken wir oft an ihre künstlerische Äußerung, an Schreiben, Malen oder Musik. Tatsächlich gehen viele Hochsensible in diesen Tätigkeiten auf. Aber sie haben auch ein Talent für kreatives Denken im weiteren Sinne: das Entwickeln von Ideen und unkonventionellen Lösungen.

Hochsensible haben einen empfindlichen moralischen Kompass

Idealismus und ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit sind Eigenschaften, die viele Hochsensible teilen. Sie haben oft hohe ethische Ansprüche insbesondere an sich selbst und können es nur schwer ertragen, gegen ihr Gewissen zu handeln oder beispielsweise für eine Firma zu arbeiten, die ihren Ansprüchen nicht entspricht. Das kann natürlich zu viel Druck und Schwierigkeiten führen, aber andererseits ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass das Umfeld der HSP und auch die Gesellschaft als ganzes davon profitiert.

Klar treffen nicht alle dieser Eigenschaften auf alle hochsensiblen Personen zu, und korrekterweise hätte ich die Überschriften eigentlich mit “einige Hochsensible…” formulieren müssen. Diese Auflistung ist außerdem bei weitem nicht abschließend und jede einzelne HSP hat sicherlich noch andere, ganz individuelle positive Eigenschaften, die sich mit ihrer Sensibilität in Verbindung bringen lassen.
Trotzdem hoffe ich, dass diese Liste dem einen oder anderen Sensibelchen vielleicht helfen kann, ihre Empfindsamkeit positiver zu sehen, gerade auch in Situationen, in denen sie nur eine Belastung zu sein scheint. Ich werde definitiv hin und wieder diesen Reminder in Anspruch nehmen :)

Liebe Sensibelchen: was sind denn eure liebsten Eigenschaften, die ihr mit eurer Sensibilität verbindet? Schreibt sie gerne in die Kommentare!

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