Was bedeutet eigentlich dieses #slowliving?

Freitag, 7. Dezember 2018


Foto: Nick Abrams (Unsplash)

Jedes Mal nach meinem jährlichen MOMO-Reread (ja, so ein Mensch bin ich) nehme ich mir vor, mit meiner Zeit bewusster umzugehen. Als es in diesem Jahr wieder so weit war, bin ich in diesem Internet auf den Begriff Slow Living gestoßen. Und was dahintersteckt, möchte ich dir heute gerne vorstellen.


Probier's mal mit Gemütlichkeit...


Wie der Name sagt, geht es bei Slow Living darum, das Leben ein wenig zu entschleunigen. Im englischsprachigen Raum ist in diesem Zusammenhang oft von purposeful die Rede – wofür ich noch keine richtig gute deutsche Übersetzung gefunden habe, denn weder „zielgerichtet“ noch „zweckmäßig“ trifft es so wirklich.

Im Grunde geht es darum, die Zeit, die man hat, auszukosten, anstatt die Stunden oder Minuten bis zum nächsten Termin zu zählen. Die Dinge, die man tut bewusst, willentlich und aufmerksam zu tun. Wenn man sich, so wie ich, so ein bisschen am Rande des Bereichs ~*Spiritualität*~ bewegt, vielleicht auch darum, wieder eine Verbindung mit sich selbst, den Mitmenschen, der gesamten Welt zu spüren. Und vielleicht auch ein bisschen um einen Kampf gegen die momentan vorherrschende “Zeitarmut”. (vielleicht ist das aber auch ein bisschen zu sehr MOMO)

Was Slow Living nicht ist:


Bei Slow Living geh es nicht darum, alles so langsam wie möglich zu machen, sondern darum, alles in einer angemessenen Geschwindigkeit zu tun, anstatt zu hetzen.

Slow Living dreht sich auch nicht darum, zu leben wie vor 20, 50, 100 Jahren. Technologie wird nicht verteufelt. Wichtig ist auch hier ein bewusster Umgang: ich möchte die Technologien in einer für mich nützlichen Art und Weise verwenden, aber ihnen nicht den wichtigsten (und zeitintensivsten) Stellenwert in meinem Leben geben.

Es geht darum, von sich selbst auszugehen und davon ausgehend ein Leben zu erschaffen. Bewusst innezuhalten, infrage zu stellen, zu reflektieren und zu priorisieren. Und es ist ein konstanter Prozess.

Wieso eigentlich Slow Living?


Aber warum sollte ich mir überhaupt darüber Gedanken machen, wie schnell oder langsam mein Leben verläuft? Eine gute Antwort liefert, finde ich, dieses Zitat:
 How we spend our days is, of course, how we spend our lives. (Annie Dillard)
Mein Leben ist das wertvollste und wunderbarste, was ich besitze. Wenn ich an alle anderen einigermaßen wertvollen Gegenstände denke, die ich besitze, z.B. meinen Laptop, mein Handy oder meine Kamera, so gehe ich mit ihnen sorgfältig um. Klar, mit fällt mein Handy mal runter, und ich habe schon vor einiger Zeit den Objektivdeckel irgendwo verloren, aber mir würde es nicht einfallen, diese Geräte achtlos irgendwo herumliegen zu lassen oder gar darauf herumzutrampeln. Ich weiß, was ihnen guttut und was nicht. Aber wie sieht das mit meinem Leben aus?

Viele Leute, mich eingeschlossen, haben das Gefühl, dass ihr Leben furchtbar hektisch ist, dass sie keine wirkliche emotionale Verbindung mehr zu irgendetwas haben, dass die Tage nur so vorbeiziehen, ohne dass wir uns abends überhaupt daran erinnern können, was wir eigentlich alles getan haben. Und es scheint auch viel schwieriger zu sein, heutzutage bewusst zu leben, weil alles um uns herum so schnell passiert. Wir essen To-Go, haben unsere Termine minutengenau abgepasst, weswegen fünf Minuten Verspätung der Bahn unseren ganzen Tag versauen können, ziehen auf einer Veranstaltung von einem Gesprächspartner zum nächsten, wobei die Unterhaltungen immer nur einige Minuten dauern. Und gerade jetzt in der beginnenden Weihnachtszeit hetzen wir von einer Feier oder einem Familientreffen zum nächsten und betrachten es als Pflicht, möglichst mit allen aus dem Umfeld Zeit zu verbringen – lieber eine in den Zeitplan gequetschte Stunde bei Oma, bei der wir ständig gehetzt auf die Uhr schauen, als gar keine…oder?

Eine gute Zusammenfassung dieser Situation findet sich auf der Website des Slow Movement: 

We may be living great lives, but we aren’t there for them. 

Und darauf habe ich keine Lust mehr.

Foto: Gaelle Marcel (Unsplash)

Wie funktioniert Slow Living?


Slow Living wird oft damit assoziiert, dem Land nahe der Natur zu leben und weniger zu arbeiten. Was natürlich nicht für alle möglich ist – und auch nicht alle wollen! Gibt es denn noch eine andere Möglichkeit des Slow Living? Ich finde: ja!

Slow Living muss nicht bedeuten, dass du dein Leben völlig verändern musst. Stattdessen reicht es oft schon aus, hin und wieder mal an den Rand der Schnellspur des Lebens zu fahren und sich umzuschauen. Im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn. Sich kurz Zeit zu nehmen, den gegenwärtigen Augenblick bewusst zu erleben und die eigene Lebenssituation einmal aus der Beobachterperspektive zu betrachten (so gut das eben möglich ist).

Hilfreich können die Fragen sein: 

  • Was führt dazu, dass ich mich gut fühle? 
  • Was gibt mir Energie und was raubt mir Energie? 


Wenn du dir die Antwort(en) auf diese Fragen bewusst gemacht hast, kannst du anfangen, all die Tätigkeiten, aus denen dein Alltag besteht, zu reflektieren, priorisieren und – so schwierig und hart das klingt – auch auszusortieren. 

Natürlich ist es für die wenigsten von uns einfach möglich, alles auszusortieren, was nicht dazu führt, dass wir uns gut fühlen. Nicht für alle ist z.B. der Job die reine Selbstverwirklichung, manchmal schafft er auch einfach nur das Geld zum Leben bei. 
Genauso lässt sich nicht alles in „gut“ oder „schlecht“ einteilen. Ich liebe es beispielsweise, etwas mit meinen Freunden zu unternehmen, obwohl es mir als Introvertierter auch eine Menge Energie raubt. 

Trotzdem ist es, glaube ich, sicher zu sagen, dass wir alle in der Tendenz ein paar Tätigkeiten, die uns gut tun in der Prioritätenliste ein ganzes Stück weiter oben platzieren sollten. Was dafür nach unten rutschen kann? Am besten Dinge, die wir tun „müssen“ um Erwartungen anderer zu erfüllen. Das ist nicht so leicht. Ich kämpfe auch immer wieder damit. Zu schnell schleicht sich das schlechte Gewissen ein, und im Neinsagen bin ich auch noch furchtbar schlecht. (sorry, Elton John: nicht „sorry“, sondern „no“ seems to be the hardest word). 

Aber es geht auch gar nicht darum, sich eine für alle Zeit gültige Prioritätenliste zu erstellen und sich dazu zu zwingen, mindestens einmal wöchentlich einen Selfcare-Tag zu machen, obwohl einem der Gedanke an näher rückende Deadlines nachts den Schlaf raubt. Was ich stattdessen tue (und auch viel sinnvoller finde) ist, mir eine Liste zu erstellen, von Dingen, die mir guttun, und die ich öfter tun möchte, und Dingen, die mir nicht guttun, denen ich weniger Raum in meinem Leben geben möchte. Und diese Liste dann in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hervorzuholen, meinen aktuellen Alltag zu betrachten, und gegebenenfalls Prioritäten zu verschieben. Eben wie oben schon gesagt: mal kurz aussteigen und innehalten.

Das wäre jetzt eigentlich ein perfekter Schlussabsatz, aber falls du mit der Hoffnung auf konkrete Tipps hierhergekommen (und hiergeblieben) bist, möchte ich dich nicht enttäuschen. 

Leben ist auch noch nicht so „slow“ wie es sein könnte, und ich beschäftige mich auch erst seit kurzer Zeit mit dem Thema, also sieh dies bitte nicht als Expertenratschläge, sondern als kleine Anregungen, an denen ich mich selbst auch momentan versuche.

1. Wenn du etwas tust, dann tue es bewusst. 

Und nur diese eine Sache. Multitasking ist ein Mythos. Du wirst nie mehreren Sachen gleichzeitig Aufmerksamkeit schenken können. Wie oft hast du schon lange in der Küche gestanden und gekocht, nur um das Ergebnis dann vor dem Fernseher oder einem YouTube-Video zu verschlingen, ohne überhaupt wirklich zu bemerken, wie es schmeckt? Oder wie oft hast du beim Filmschauen irgendwann bemerkt, dass du eigentlich gar nicht mehr weißt, was gerade passiert, weil du gleichzeitig durch Instagram gescrollt hast? Also ich fühle mich hier definitiv ertappt…

2. Wenn du freie Zeit hast, halte sie frei. 

Ja, es ist wichtig, sich regelmäßig Zeit für seine Hobbies zu nehmen, insbesondere für Sport. Aber trage dich trotzdem nicht an jedem freien Nachmittag zur Yogastunde ein oder plane jede Mittagspause dafür ein, etwas Kreatives zu tun. Sondern lass dir auch regelmäßig ein bisschen Zeit dafür, einfach spontan das zu tun, worauf du Lust hast. Wenn du Lust darauf hast, ein Instrument zu spielen, joggen zu gehen oder ein aufwändiges Abendessen zu kochen, super! Aber wenn dir danach ist, einfach im Schlafanzug Serien zu schauen, stundenlang mit deinen Freunden Memes auszutauschen oder einen Mittagsschlaf zu halten, ist das auch okay. Mach deine Hobbies nicht zu einem weiteren Punkt auf deiner To-Do-Liste. Wenn unser Körper oder unsere Seele das Bedürfnis nach Nichtstun hat, dann hat das in der Regel einen Grund.

3. Setze die richtigen Prioritäten.

Zurück zur Prioritätenliste: Leben > Arbeiten. Das ist etwas, was mir auch noch immer sehr schwerfällt und womit ich erst hier in Schweden so wirklich begonnen habe, aber: wenn ich in einem Moment die Wahl habe zwischen etwas, von dem ich weiß, dass es mir guttut und etwas, was ich tun muss, versuche ich immer, ersteres zu wählen. Betrachte ich diesen einzigartigen Sonnenuntergang oder beeile ich mich, zurück an den Schreibtisch zu kommen? Gehe ich mit einer Freundin, die ich bald wohl nicht mehr sehe, ins Kino, oder nehme ich Rücksicht darauf, dass ich morgen früh aufstehen und zur Uni gehen muss? Gehe ich spontan mit meinen Freunden auf einen Handwerksmarkt oder putze ich mein Zimmer, wie ich es geplant hatte? Fallen diese Entscheidungen wirklich so schwer? 

Ich hoffe, du konntest etwas aus diesem Post mitnehmen! Gib mir gerne Feedback in den Kommentaren :)

PS: Da du jetzt sowieso mindestens einen Ohrwurm hast...



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