Das war 2018 | Reflexion

Montag, 31. Dezember 2018



Wie bestimmt fast jede*r nutze ich diesen letzten Tag des Jahres, um auf 2018 zurückzublicken und die vergangenen Monate zu reflektieren. Ein paar Erkenntnisse teile ich hier, falls du dich bis zum Jahreswechsel noch ein wenig beschäftigen möchtest! 

Das vielleicht Bedeutsamste in diesem Jahr war, dass ich vieles zum ersten Mal gemacht habe; Dinge zum ersten Mal erlebt, gesehen, gefühlt. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal in meinem Leben für eine längere Zeit im Ausland gelebt - in Schweden, einem Land, von dem ich so viel gehört hatte und von dem ich überzeugt war, dass das Leben dort wunderbar zu mir passt. Und ich hatte recht: Ein weiteres erstes Mal war, mich an einem Ort komplett zuhause und wohl zu fühlen. Außerdem habe ich zum ersten Mal einige Ghibli-Filme und die Serie Avatar: Herr der Elemente gesehen und mich in beides, insbesondere aber in letztere verliebt! Und durch diese neue Begeisterung habe ich wiederum neue Leute kennengelernt.

In diesem Jahr habe ich mir einige wichtige Fähigkeiten angeeignet, die ich letztes Jahr noch nicht – oder zumindest nicht in diesem Ausmaß – hatte: Durchhaltevermögen und Ruhe zu bewahren. Mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich leben will und nicht nur funktionieren. Mein Wohlbefinden über Leistung zu priorisieren. Ab und zu einen Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Allgemein habe ich es geschafft, mehr auf meine Bedürfnisse zu achten. Ich habe, so gut es ging, versucht, jeden Tag ein bisschen an die frische Luft zu gehen und hatte lange Zeit aufgehört, Nachrichten zu schauen bzw. allgemein Input (hauptsächlich online) vermieden, der mich negativ beeinflusst hat.

Aber 2018 hatte auch schreckliche Momente, allen voran die Trennung von meinem ersten wirklichen Freund nach sechs Jahren Beziehung. Es war kein Abschied für immer, keine Trennung im Streit, aber dennoch ist meine Normalität, mein Leben, völlig auf den Kopf gestellt worden. Alles was konstant war und Sicherheit gab, war fort. Und das in der Vorbereitungszeit auf das Auslandssemester, wo ich sowieso schon so viel Gelegenheit hatte, mir Sorgen zu machen. Natürlich kamen Selbstvorwürfe hinzu;Gedanken, was ich anders oder besser hätte machen können. Eifersucht, als er sofort mit einer seiner Freundinnen zusammenkam. Was hat sie, was ich nicht habe? Angst, es nicht zu schaffen, auf mich allein gestellt zu sein. Angst, immer allein zu bleiben. Nie wieder jemanden zu finden, der mich so akzeptiert wie ich bin. Und auch jetzt, nach Monaten noch die Frage, woran es liegt, dass er mich so gar nicht zu vermissen scheint, während ich immer wieder nachts nicht einschlafen kann, weil ich sein Gesicht vor mir sehe und Erinnerungen durch meinen Kopf laufen wie ein Film, den ich nicht abstellen kann. Im Zusammenhang mit der Trennung gehört auch meine größte Enttäuschung in diesem Jahr. Wenige Wochen bevor wir uns trennten, habe ich mich von Misstrauen überwältigen lassen und auf dem Handy meines nun Ex-Freunds Nachrichten gelesen, die er dem Mädchen geschrieben hat, mit dem er nun zusammen ist. In diesem Nachrichten hat er sie unter Anderem als „seine Beste“ bezeichnet – was natürlich nicht unbedingt romantisch gemeint sein muss, aber was ich trotzdem als Bestätigung für meinen Verdacht verstand. Ich war furchtbar enttäuscht von ihm, aber wenig später hauptsächlich von mir selbst diesen Vertrauensbruch begangen zu haben. Nicht nur hatte ich ein schlechtes Gewissen, sondern das was ich erfahren habe, hat nicht dazu gefühlt, dass ich mich besser fühle. Im Gegenteil. Es hat mich verletzt, traurig und wütend gemacht. Und noch dazu trage ich das Wissen mit mir herum, dass ich ihm durch dieses Verhalten Unrecht begangen habe, das ich mich bisher noch nicht getraut habe, zuzugeben.

Die Monate nach der Trennung waren die größte Herausforderung des Jahres für mich, sowohl auf der psychischen als auch auf der physischen Ebene. Studium, zwei Jobs, Vorbereitung des Auslandssemesters, Nachmietersuche, Umzugsvorbereitungen und, naja, das Verarbeiten des Endes einer langjährigen Beziehung – und das alles auf einmal und, so dachte ich zumindest, völlig auf mich allein gestellt. Inzwischen ist mir klar, dass ich definitiv hätte Hilfe bekommen können, wenn ich nur darum gebeten hätte – aber nach Hilfe zu fragen ist nach wie vor eine meiner größten Schwierigkeiten, die ich im kommenden Jahr auf jeden Fall angehen möchte. Gleichzeitig war diese Zeit eine wichtige Erfahrung, die zu der Erkenntnis geführt hat, dass ich so etwas auf gar keinen Fall noch einmal auf diese Weise erleben möchte. Im Nachhinein frage ich mich, wie ich diesen Stress überhaupt überstanden habe (und bin mir bewusst, dass es oftmals ganz schön knapp war).

Aber wie Abschiede von geliebten Menschen gehört auch der Beginn neuer Verbindungen zum Leben! Hier in Umeå habe ich eine neue Freundin finden können, die ich zuvor nur über das Internet kannte. Sie hat mir die Ghibli-Filme gezeigt, ich habe feststellen können, dass ich inzwischen nicht mehr ganz so socially awkward bin wie früher, konnte mein Schwedisch üben… und wir teilen so viele Interessen; ich hoffe, dass der Kontakt erhalten bleibt! Auch online, hauptsächlich über Instagram, aber auch auf Tumblr, habe ich viele tolle Menschen kennengelernt, die meine Träume und Erfahrungen, oder einfach nur Interessen teilen. Und durch die gemeinsame Zeit in Schweden habe ich zwei Freundschaften vertiefen können, wofür ich so dankbar bin!

Einer meiner größten Wünsche seit langem war es, für einige Zeit in Schweden zu leben. Dieser Wunsch hat sich dieses Jahr erfüllt! Wenn ich jetzt darüber nachdenke, welche Angst ich davor hatte, in Schweden einsam und komplett überfordert zu sein, muss ich fast lachen. Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich über einen so langen Zeitraum hinweg so viel mehr gute als schlechte Tage. Schweden tut mir gut, der Abstand zu allem, was mich belastet hat, tut mir gut – eine am Ende unglückliche Beziehung und stressige Jobs, Versagens- und Existenzängste nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich hinter mir lassen zu können. Außerdem arbeite ich nun (zumindest vorübergehend) freiberuflich von zuhause aus und weiß nun, dass ich mit dem Gedanken recht hatte, dass dies für mich am besten passt. Dadurch ist mir auch der Plan für mein weiteres Leben, jedenfalls für die nächsten Schritte, klarer geworden. Ich möchte langfristig meinen gesamten Lebensunterhalt auf diese Weise verdienen können! Freie Zeiteinteilung und ein Arbeitsraum, in dem ich mich sicher und wohl fühle, tun so gut! Insbesondere nach den vorherigen Joberfahrungen in diesem Jahr. Zum Glück habe ich diese hinter mir gelassen!

Wieder offiziell Single zu sein hat auch dazu geführt, dass ich mich mit dem Konzept Single bzw. Beziehung auseinandersetzen musste. Hier in Schweden haben, für mich relativ überraschend, mehrere Männer Interesse gezeigt. Dieses Interesse war mir jedoch unangenehm, ich konnte und wollte damit nicht umgehen. Warum ist das so? Liegt es an meinem Selbstwert? Daran, dass es Männer sind? Wäre es anders, wenn es Frauen wären? Oder fürchte ich sexuelles Interesse und das damit unweigerlich verbundene Coming-Out und mögliche Diskussionen oder Unverständnis? Liegt es daran, dass ich es gut finde, momentan allein zu sein? Oder daran, dass ich, wie ich schon länger vermute, nicht nur asexuell bin, sondern auch irgendwo dem aromantischen Spektrum zuzuordnen? Viele Fragen, die noch unbeantwortet sind, aber mit jedem Tag klarer werden. Und während ich die tiefe emotionale Verbindung vermisse, die ich mit meinem Ex hatte, kann ich inzwischen ganz sicher sagen, dass ich keine Angst mehr davor habe, allein zu sein.

Im Zusammenhang mit dieser ausführlichen Selbstreflexion ist mir in diesem Jahr auch Politik bzw. politisches Engagement deutlich wichtiger geworden als zuvor. Zwar hätte ich mich auch vorher nicht als völlig unpolitisch bezeichnet, aber mein „Engagement“ beschränkte sich auf das Wählen und ab und zu das Äußern von Ansichten, wenn ich mich besonders mutig fühlte. Ein Spruch (oder Zitat? Ich habe mir leider nicht gemerkt, wer das sagte), der/das meine Entwicklung diesbezüglich gut darstellt, ist:
„It isn’t enough to not be racist. You have to be anti-racist.”
Die politische Entwicklung weltweit und in Deutschland, insbesondere die rechten Hetzjagden in Chemnitz, haben mir deutlich gemacht, dass es nicht reicht, bei den paar Gelegenheiten links zu wählen und selbst zu versuchen, möglichst keine *-ismen zu reproduzieren!

Dieser Denkanstoß wäre eigentlich ein sehr guter Schluss für diesen Text. Aber irgendwie möchte ich nicht mit dem Thema Politik enden, denn es war zum größten Teil ein negatives Thema für mich, das mich immer wieder fast die Hoffnung hat verlieren lassen. Politische Entwicklungen und politisches Engagement werden mein 2019 prägen, daran gibt es keine Zweifel. Aber wenn ich jetzt noch einmal auf das Jahr 2018 zurückblicke, möchte ich, dass sich positive Momente in meinen Erinnerungen festsetzen. Deshalb teile ich zum Abschluss noch meine fünf schönsten Erlebnisse dieses Jahr:
  1. Zum ersten Mal die Nordlichter zu sehen.
  2. Mit dem Flugzeug über Stockholms Schären zu fliegen und zum ersten Mal tatsächlich zu begreifen, dass ich in Schweden leben werde.
  3. In der Mitte des zugefrorenen und zugeschneiten Nydalasjöns stehen und die Stille spüren.
  4. Die vielen Momente in der atemberaubenden schwedischen Natur.
  5. Der Plan zur Gründung der besten WG Frankfurts, hihi.


Habt einen wunderbaren Silvesterabend! Ich wünsche euch nur das Allerbeste für 2019.

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich über deine Gedanken! :)

© Seelengrün. Design by FCD.