Warum wir nicht "unpolitisch" sein können

Freitag, 30. November 2018 Umeå, Schweden



Eigentlich lässt sich alles, was ich in diesem Beitrag sagen möchte, in einem Satz zusammenfassen, den Rosa Luxemburg äußerte: 
Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken.
Wenn du also gerade eigentlich gar keine Zeit hast, um einen Blogpost zu lesen, hast du hiermit das Wichtigste mitbekommen – schönen Tag noch!


Aber mit allen, die Zeit und Lust darauf haben, möchte ich jetzt gerne meine Gedanken zu diesem Zitat teilen, das gerade in der aktuellen Lage große Bedeutung hat.

„Mit Politik will ich eigentlich gar nichts zu tun haben.“  
„Politik ist nichts für mich.“ 
„Ich interessiere mich nicht für Politik, denn ich kann eh nichts ändern.“ 
„Von Politik hab ich echt keine Ahnung.“

Kommen dir diese Sätze bekannt vor? Den einen oder anderen davon hast du irgendwo in deinem Umfeld bestimmt schon gehört – vielleicht ja auch von dir selbst. Ich zumindest habe insbesondere die letzte Aussage, dass ich Politik sowieso nicht verstehe und dass mir das alles viel zu kompliziert sei, meine gesamte Jugendzeit hindurch immer wieder gesagt. Zu meiner Familie und meinen Freunden, aber vor allem zu mir selbst. Ich verstehe nichts von Politik, deshalb interessiere ich mich nicht dafür. Und damit war ich ja auch alles andere als allein. Insbesondere Jugendliche interessieren sich immer weniger für Politik, heißt es immer wieder. Informieren sich nicht wirklich, engagieren sich nicht politisch, sehen keinen Sinn darin. Eine ganze Generation, die völlig unpolitisch ist. Oder?


Politikverdrossen ist nicht dasselbe wie unpolitisch


Rosa Luxemburg zufolge (und mir, die ihr da überzeugt zustimmt) nicht! Ja, viele Menschen, gerade Jugendliche, haben kein Vertrauen in Parteipolitik. Ja, viele beziehen ihre Informationen über Social Media und hinterfragen nicht genug. Und ja: wir als Gesellschaft sind politikverdrossen. Aber unpolitisch sind wir nicht. Im Gegenteil, wir können eigentlich gar nicht unpolitisch sein. 

Warum? Aus verschiedenen Gründen:


1. Alles was wir tun oder nicht tun, hat einen Einfluss


Dieser erste ist der (für mich) wichtigste, aber leider wahrscheinlich auch am schwierigsten zu erfassende Grund. Schön auf den Punkt bringt es, finde ich, dieses Zitat (ja, wenn ich schon so ein komplexes Thema anschneide, dann lasse ich viele kluge Leute für mich sprechen!):
Niemand ist eine Insel, jeder ist Teil des menschlichen Kontinents. (John Donne)
In der Soziologie wird das Individuum in einigen Theorien als soziale*r Akteur*in betrachtet. Das heißt, dass der Wille und die Entscheidungen des*der Einzelnen Bedeutung für den gesellschaftlichen Wandel haben. Wir alle sind Bürger*innen, wir alle sind Konsument*innen. Dies wird durch die moderne Technologie weiter verstärkt: sie eröffnet neue Freiräume und „zwingt“ uns gleichzeitig in einem höheren Ausmaß als je zuvor dazu, uns in irgendeiner Weise zu verhalten: es ist so gut wie unmöglich, nicht mitzubekommen, was überall auf der Welt geschieht, und egal, ob uns dieses Wissen dazu bewegt, aktiv zu werden, oder dazu, es zu ignorieren, haben wir uns in irgendeiner Weise dazu positioniert. Zack, politisch!

Die Macht der Entscheidung des*der Einzelnen ist übrigens nicht auf die Gesellschaft beschränkt, in der er*sie lebt. Zum Beispiel trägt unser Konsumverhalten hier in der westlichen Welt sowohl zum Klimawandel bei als auch zu den unerträglichen Lebensbedingen in vielen Ländern, aus denen dann Menschen zu uns kommen – zwei der aktuellsten Themen in der Politik.


2. Wir alle genießen gewisse gesellschaftliche (und damit auch politische) Privilegien und/oder sind von anderen ausgeschlossen.


Der zweite Punkt hängt definitiv mit dem ersten zusammen, aber ist wichtig genug für eine eigene Erwähnung. Überlege selbst einmal, welche Vorteile bzw. Privilegien du im Vergleich zu anderen genießt oder aber wie es dich beeinflusst, dass andere dir gegenüber privilegiert sind. Ich bin weiß, jung, Akademikerin und körperlich und geistig gesund. Diese Kombination verschafft mir schon eine ganze Menge Vorteile. Allerdings bin ich eine Frau, psychisch krank und nicht heterosexuell. Dadurch können für mich Nachteile entstehen.

Diese Ungleichheit ist zurückzuführen auf Probleme, die sehr politisch sind: Rassismus, Sexismus, Heteronormativität, Klassismus, Ageismus, Ableismus. Und wir alle beeinflussen diese Strukturen, positiv oder negativ, bewusst oder unbewusst, und durch diese Einflussnahme handeln wir politisch.
Nehmen wir zum Beispiel Alltagsrassismus: machst du einen „harmlosen“ Witz über Schwarze, oder verteidigst du eine kopftuchtragende Muslima gegen pöbelnde Jungs in der U-Bahn – zack, du hast politisch gehandelt, ob du nun willst oder nicht.

Das leitet über zum dritten Grund:


3. Wir handeln nicht nur im Alltag unbewusst politisch, wir alle engagieren uns auch politisch.


Politisches Engagement bedeutet nicht nur, wählen zu gehen oder einer Partei anzugehören. Auch die ehrenamtliche Mitarbeit in einer NGO, einem Verein, der bestimmte Ziele verfolgt oder sogar das Engagement als Schülerpat*in ist politisch, da du dadurch bestimmte Werte vertrittst und mit deiner Zeit und Kraft unterstützt.
Aber auch deine Teilnahme und dein Handeln im noch kleineren Rahmen und in Gemeinschaften, die keine irgendwie erkennbare politische Zielsetzung haben, kann politisch sein. Sei es deine Klasse, dein Buchclub oder der Sportverein: wie du dich in diesen Gemeinschaften den anderen Mitgliedern gegenüber verhältst, ist gelebte Politik. Dieses Verhalten im kleinsten Rahmen ist meiner Meinung nach sogar grundlegender Teil der Demokratie!

Lange Rede, kurzer Sinn (und der geschlagene Bogen zur guten Rosa): 


Wir sind alle durchaus politisch. Wir merken es nur nicht.

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