Ich bin asexuell - und das ist nicht seltsam.

Freitag, 26. Oktober 2018

Seelengruen Blog Asexuell Flagge

Welche Erfahrungen verbinden wir hauptsächlich mit der Teenager-Zeit? Neben Selbstzweifeln und Rebellion gegen die Eltern halten wir hauptsächlich das erste Verliebtsein und das “Aufkeimen der Sexualität”, wie es in Büchern oft so schön heißt, für typisch. Auf einmal ist da dieser Typ aus der Klasse oder das Mädchen aus dem Sportverein, die das Herz klopfen und den Körper verrückt spielen lassen. Eine universelle Erfahrung, die alle Menschen miteinander verbindet. Oder?

Seit 2010 findet jedes Jahr im Oktober die Asexual Awareness Week statt - eine Woche also, in der Aufmerksamkeit auf das Thema Asexualität gelenkt werden und über die sexuellen Orientierungen des asexuellen Spektrums aufgeklärt werden soll. Heute ist der vorletzte Tag der Asexual Awareness Week 2018, was mich zu diesem Blogpost veranlasst hat - denn ich bin asexuell.

Asexu-was? Spektrum? Wovon redest du?

Während Asexualität als Teil der LGBTQIA-Community im englischsprachigen Raum (lassen wir tumblr mal außen vor) inzwischen relativ bekannt und akzeptiert ist, weiß in Deutschland noch kaum jemand etwas mit dem Begriff anzufangen. Um das zumindest in meiner kleinen Follower-Blase zu ändern, habe ich die Woche über auf Instagram Fragen gesammelt, die ich hier gerne beantworten möchte.

Was ist Asexualität? Und was das “asexuelle Spektrum”?

Kurz und knapp gesagt: asexuell (auf englisch oft “ace” genannt, abgekürzt von asexual), bedeutet, keine sexuelle Anziehung zu spüren. So wie sich z.B. lesbische Frauen nicht zu Männern hingezogen fühlen, fühlen Asexuelle kein Verlangen nach Sex mit einer spezifischen Person - möglicherweise aber sehr wohl nach Sex im Allgemeinen (mehr dazu später).
Genau wie Sexualität im Allgemeinen ist auch Asexualität ein Spektrum. Es gibt darin Leute, die, wie ich, nie sexuelle Anziehung spüren. Manche fühlen sie selten (diese bezeichnen sich auch als “grey/graysexual” - ob “grausexuell” eine wirklich existierende deutsche Entsprechung ist, konnte ich leider nicht herausfinden). Manche müssen mit einer Person zunächst eine enge emotionale oder romantische Beziehung aufbauen, bevor sie sich zu dieser sexuell hingezogen fühlen (demisexuell). Und für manche schwankt ihre Einordnung im Spektrum oder sie können sich (noch) nicht konkret einordnen und bezeichnen sich deshalb einfach als dem A(sexuellen)-Spektrum zugehörig (a-spec).

Was Asexualität jedoch nicht ist:

  • Abstinenz: diese ist eine bewusste Entscheidung trotz des eigenen sexuellen Verlangens. Asexualität hingegen ist genauso wenig absichtlich gewählt wie Homo- oder Heterosexualität.
  • Verklemmtheit: während viele Asexuelle keine Lust auf Sex haben und sich manche sogar davor ekeln, liegt das nicht daran, dass wir Sexualität an sich für etwas “schmutziges” halten. It’s just not for us! Davon abgesehen gibt es auch Asexuelle, die zwar selbst gut ohne Sex auskommen könnten, aber nichts dagegen haben, dem*der Partner*in zuliebe Sex zu haben. Und solche, die Lust auf Sex haben und deren Verlangen sich nur nicht auf eine bestimmte Person richtet.
  • Eine niedrige Libido oder irgendeine andere körperliche “Fehlfunktion”: körperliche Erregung spüren auch Asexuelle und die Libido variiert genau wie bei allosexuellen (nicht-asexuellen) Menschen
  • zwangsläufig die Folge von Missbrauch oder anderen Traumata, oder psychischer Krankheit

Können Asexuelle romantische Anziehung spüren?

Kurz und knapp: ja! Das Fehlen romantischer Anziehung heißt Aromantizismus und kann mit Asexualität zusammenfallen, muss aber nicht. Romantische und sexuelle Anziehung gehören nicht zwangsläufig zusammen. Während das Verlieben ohne sexuelle Anziehung in unserer Gesellschaft kaum erwähnt oder aber als “kindlich” angesehen wird, ist das umgekehrte Verhältnis ziemlich üblich und “normal”: es zeigt sich z.B. in One-Night-Stands oder Freundschaft +.
In der Ace-Community kommt oft das sogenannte “split attraction model” zum Einsatz, das nicht nur sexuelle und romantische, sondern auch ästhetische, sensuelle und manchmal platonische Anziehung unterscheidet.



So kann jemand beispielsweise biromantisch und asexuell sein. Oder aromantisch und homosexuell. Und auch jemand, der sowohl aromantisch als auch asexuell ist, kann ästhetische, sensuelle und natürlich platonische Anziehung empfinden: zum eigenen Geschlecht, einem anderen Geschlecht, mehreren oder allen.

Da ich mir inzwischen nicht sicher bin, ob das, was ich bisher für Verliebtsein gehalten habe, nicht “nur” starke platonische Anziehung war, tendiere ich inzwischen auch zu einer Identifizierung als aromantisch, aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Post (bei Interesse).

Wie habe ich gemerkt, dass ich asexuell bin?


Das hat, zugegeben, sehr lange gedauert. Einerseits natürlich, weil es schwer ist, zu bemerken, dass etwas NICHT da ist, das nie da war und das man deshalb auch nie bemerkt hat. Andererseits hat bestimmt auch dazu beigetragen, dass ich als Jugendliche meine Freizeit viel im Umfeld einer christlichen Gemeinde verbracht habe. Dort wurde Sexualität zwar nicht verteufelt, aber war eben auch kein Thema, über das man gesprochen hat. Deshalb bin ich einfach davon ausgegangen, dass alle meine Freunde genauso wenig Interesse an Sex haben wie ich, und dass die Leute, wenn sie z.B. sagen Promi XY sei “heiß”, auch nur meinen, diese Person sei ästhetisch ansprechend.
Erst als ich im letzten Schuljahr und besonders im ersten Semester an der Hochschule aus dieser Blase herausgekommen bin, habe ich festgestellt, dass Leute tatsächlich eine andere, willkürliche Person auf der Straße anschauen und sich denken, dass sie mit dieser Person gerne schlafen würden. Und dass diese Anziehung tatsächlich so stark ist, dass Leute ihre Partner*innen betrügen - eine Handlung, die ich sowohl in der echten, als auch in fiktionalen Welten nie nachvollziehen konnte. Und das meine ich jetzt nicht moralisch. Ich konnte wirklich logisch nicht verstehen, warum es denn bitte so schwer sein soll, nicht mit anderen zu schlafen, wenn man in einer monogamen Beziehung ist.

Moment mal...

Erst als ich mit 20 Jahren im Studium eine Freundin kennengelernt habe, die diesbezüglich sehr offen ist, wurde mir klar, dass “alle anderen” in den Personen um sie herum potenzielle Geschlechtspartner sehen, nicht nur Leute, die sie nett, sympathisch oder auch mal hübsch finden, oder denen sie im seltensten Fall gerne mal durch die wuscheligen Locken streicheln würden. Mir wurde klar, dass sie etwas spüren, was ich nicht spüre. Und meine Schlussfolgerung war: mit mir stimmt etwas nicht.
Jedes Mal, wenn diese Freundin bemerkte, dass sie den Busfahrer, Kommilitone X oder den Typen da vorne im Park sexy fand, versuchte ich so sehr, nachzuvollziehen, was an ihnen so attraktiv sein soll. Aber es war hoffnungslos. Ich gestand den Objekten ihrer Begierde höchstens mal ein hübsches Lächeln oder eine sympathische Ausstrahlung zu. Und mit jeder wiederholten Erkenntnis wurde ich verzweifelter.
Richtig schlimm wurde es aber erst, als wir das Level der Freundschaft erreicht hatten, an dem sie mir von ihrem eigenen Sexleben erzählte. Nicht nur konnte ich zu diesen Gesprächen aus Mangel an Erfahrung absolut nichts beitragen, sondern bei allem, was sie erzählte, dachte ich nur: “...und das soll Spaß machen? Leute wollen das?”. Und das verstärkte meine Annahme, das mit mir etwas nicht stimmt, denn schließlich gilt Sex ja als menschliches Grundbedürfnis...sollte also nicht jeder Mensch dieses Bedürfnis haben?

 

Und ich bin doch okay!

Mit 23 stieß ich dann ganz zufällig auf Tumblr - meiner damaligen Obsession - auf den Begriff Asexualität und klickte mich durch ein paar Blogs zu dem Thema.
Kennst du diese Klischee-Szenen in Filmen, wenn eine Figur eine Erleuchtung hat? Die Augen weiten sich, ein Licht erstrahlt, Musik erschallt...so ungefähr, habe ich mich gefühlt. In jeder Schilderung habe ich mich wieder erkannt. Und mich sofort mit jeder Person verbunden gefühlt, die dort von ihren Erfahrungen schrieb. Das waren Leute, die so waren wie ich! Und die einen Begriff für etwas gefunden hatten, was ich bisher für eine persönliche “Fehlfunktion” gehalten hatte.
“Ich glaube, ich bin asexuell.”, sagte ich an diesem Abend zuerst zu mir selbst, und dann auch zu meinem (jetzt Ex-)Freund. “Ich bin asexuell”, schrieb ich in die Bio meines damaligen Tumblr-Blogs. Ich erzählte es meiner Freundin, die mich zu dieser Erkenntnis gebracht hat. Dann meiner besten Freundin aus der Schulzeit.
“Ich bin asexuell.”, bestätigte ich mir immer wieder selbst, und es fühlte sich mit jedem Mal besser an. Vor kurzem habe ich es meinen Freunden aus dem zweiten Studium erzählt, weil ich sie nicht “nur als Ally” zum Pride-Event begleiten wollte. Ich lief in der Pride-Parade mit und hatte mir die Ace-Flagge an den Schal gepinnt.

Ich bin asexuell. Vielleicht auch aromantisch. Und ich bin nicht komisch, krank oder einfach verklemmt, sondern okay so, wie ich bin.




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