Ausgebrannt

Freitag, 25. Mai 2018

Mein bester Freund in der vergangenen Woche war der Snooze-Button.

Und das, obwohl ich ihm vorher noch nie wirklich Beachtung geschenkt hatte. Aber auf einmal waren diese paar Minuten, die ich länger im Bett bleiben konnte, furchtbar verlockend. Sie waren es wert, meine eigentlichen Morgenrituale ausfallen zu lassen. Oder das Frühstück. Obwohl sie mir genau das, was sie versprachen, nie zu geben schienen: mehr Energie.


Oops, I did it again.

Mal wieder habe ich meine Grenzen übertreten, meine Bedürfnisse missachtet, immer mehr gegeben, obwohl da längst nichts mehr zu geben war. Wie üblich zurückzuführen auf Perfektionismus oder die Angst, etwas zu verpassen. Oder beides. In jedem Fall aber Erwartungen, die ich an mich selbst stelle und die ich nicht erfüllen kann. Zumindest nicht, ohne etwas Entscheidendes dafür zu opfern: Ruhezeit. 

Millionen verschiedener Dinge schienen in der letzten Woche gleichzeitig und dringlich meine Aufmerksamkeit zu brauchen. Texte für die Uni lesen. Nachmieter finden. Texte für die Uni schreiben. Ausmisten. Und als dann die Woche geschafft war, habe ich mich nicht etwa, wie es jede Zelle meines Körpers verlangt hat, für zwei Tage einfach im Bett verkrochen.

Stattdessen habe ich ziemlich genau das Gegenteil gemacht und mit meinem Vater ein Festival besucht. Viele Menschen, laute Musik, verschiedenste Gerüche und Eindrücke. Aber trotzdem habe ich mich wohl gefühlt, und glücklich, und stolz auf mich selbst, weil dies wegen meiner Angststörung ein riesiger Schritt für mich war. Ich fühlte mich selbstsicher, frei, endlich einmal wie ein "normaler" junger Mensch, der tat, was junge Menschen eben so tun. Als ich mich am Sonntagabend von meinem Vater verabschiedete, war ich von Kopf bis Fuß erfüllt mit Dankbarkeit.

Und dann kam der Montag. Schon beim Aufwachen fühlte sich mein gesamter Körper bleischwer an. Das Aufstehen ein Kraftakt, der Weg ins Badezimmer ein Marathon. Mir wurde das Ruhebedürfnis nicht mit dem Zaunpfahl signalisiert, sondern mit einem Baumstamm. Und trotzdem habe ich es ignoriert. Schließlich war über das "unproduktive" Wochenende einiges liegengeblieben. 

Dass mit einem Energielevel, das eigentlich bereits im negativen Bereich lag, in punkto Produktivität nicht viel zu holen war, muss ich wohl eigentlich nicht erwähnen. Aber auch an diesem Punkt habe ich nicht innegehalten, um darüber nachzudenken, was gerade eigentlich los ist. Stattdessen: Bühne frei für die Parade der Selbstvorwürfe und Schuldgefühle! Hurra!

Am Dienstag dann der komplette Zusammenbruch: Antriebslosigkeit, innere Unruhe, Schmerzen in allen Gliedern. Natürlich trotzdem zur Uni, zur Arbeit und sogar in den Chor geschleppt, weil ich natürlich niemanden enttäuschen wollte. Geleistet, gelacht, gesungen. Während in mir drin alles nur danach verlangte, nach Hause zu gehen. Und während die Gedanken wiederkamen, von denen ich dachte, ich hätte sie überwunden. Der Wunsch nicht mehr zu existieren, dass mich das alles nichts mehr angeht. Hello darkness, my old friend. Und Gratulation, Cora: du hast dich selbst mal wieder an den absoluten Tiefpunkt gebracht und aus all den Selbstfürsorge-Blogs, -Podcasts und -Videos, die du konsumierst, absolut gar nichts gelernt!


Ich brauche den Aufprall am Boden, um innezuhalten.

So kommt es mir zumindest vor. Ohne dass mich etwas stolpern lässt, renne ich weiter. Und zwar im Kreis, denn auf dieser Strecke gibt es kein Ziel. Es ist absurd, wenn ich jetzt darüber nachdenke. Und dennoch kommt es mir immer wieder so alternativlos vor. Zu tief sitzt der Glaubenssatz, dass mich nur Leistung wertvoll und liebenswert macht. Zu schwer fällt es mir, mich nicht mit anderen zu messen, deren Ausgangssituation eine ganz andere ist. Und noch schwerer, die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit zu akzeptieren.

Der Aufprall kam am Dienstagabend. Es war elf Uhr, und ich hatte eben noch schnell die Schwedisch-Hausaufgaben für Mittwoch gemacht, weil ich es der Dozentin vorher im Bus persönlich versprochen hatte. Endlich, endlich erlaubte ich es mir, ins Bett zu gehen. Aber ich konnte nicht. Ich konnte die Kraft nicht aufbringen, von meinem Schreibtischstuhl aufzustehen und ins Bad zu gehen. Ich konnte nur dasitzen und weinen. Komplett hilflos. Komplett am Ende. Erst eine Viertelstunde später schaffte ich es, mich ins Bett zu schleppen, wo ich trotz absoluter Erschöpfung und trotz meines Bedarfs-Schlafmittels noch lange wach lag und mich völlig überfordert und hoffnungslos fühlte.

Und da erst sah ich ein, dass ich auf die Bremse treten musste. Ging am Mittwoch nur zum Schwedischkurs und zur Arbeit, aber dann direkt nach Hause. Lag im Bett und hörte Musik. Schaute Netflix. Kochte mir etwas. Und das alles erstaunlicherweise ganz ohne schlechtes Gewissen wegen der verpassten Seminare. Mein Gehirn funktioniert wirklich auf wunderliche Weise.

Warum schreibe ich das alles eigentlich auf? Vielleicht aus Gründen der Authentizität. Vielleicht um mich selbst an die Konsequenzen erinnern zu können, wenn ich das nächste Mal im Hamsterrad stecke. Vielleicht aber auch als Memo an dich, falls du diesen Text nicht gemütlich mit einem Tee auf dem Sofa liest, sondern gestresst in der Bahn auf dem Weg zum dritten Termin an diesem Tag. Nichts ist so wichtig oder so dringend, dass es wert ist, dafür die eigenen Grenzen zu ignorieren. Und ich hoffe, dass ich dies in Zukunft auch selbst beherzigen kann.

1 Kommentar

  1. Wie schön du schreibst! Auch wenn das Thema nicht positiv ist, tut es mir grade unendlich gut, das zu lesen. Mir geht es (ging es?) die letzten Tage ganz ähnlich. Ich habe auch eine Angststörung und neige dazu, mich zu überschätzen, zu übernehmen, zu verrennen ... wie auch immer. Am Boden angekommen, herrscht bei mir immer erst mal Verzweiflung bis ich mich langsam wieder aufgerappelt habe. Ich drücke uns die Daumen, dass wir es das nächste Mal vielleicht früher schaffen, die Notbremse zu ziehen. Schön, dass ich deinen Blog gefunden habe. :)

    Liebe Grüße
    Christina

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