Buchempfehlung: MOMO (Michael Ende)

Dienstag, 13. März 2018


"Von Deinem Papa zu Deinem 9. Geburtstag", so lautet die Widmung, die vorne in meinem Exemplar von MOMO steht. So lange schon begleitet und begeistert mich dieses Buch, das ich immer und immer wieder gelesen habe. So auch neulich, diesmal im Rahmen einer Lektüreaufgabe für die Uni. Und jetzt, wo ich angefangen habe, mich mit dem Thema Achtsamkeit und bewusstem Leben auseinander zu setzen, hat die Geschichte noch eine größere Bedeutung für mich gewonnen und ist mir noch mehr ans Herz gewachsen - was ich gar nicht für möglich gehalten hätte. 

Daten: 

Titel: MOMO oder: Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman.
Autor: Michael Ende
Erscheinungsjahr: 1973 
Verlag: K. Thienemanns Verlag Stuttgart
ISBN: 9783522119405
Ab 12 Jahren.

"Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: zuhören. Das ist nichts besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig."

Inhalt:

In einer Großstadt taucht eines Tages das Mädchen Momo auf und wohnt ab diesem Zeitpunkt in den Ruinen eines alten Amphitheaters am Stadtrand. Sie hat zwar keine Ahnung von ihrer Herkunft und keine Familie, aber die Bewohner der Stadt kümmern sich gemeinsam um sie und werden ihre Freunde. Doch genauso kümmert sich Momo auch um die Bewohner der Stadt: den Erwachsenen hört sie auf ihre ganz besondere Art und Weise zu und dem Spiel der Kinder haucht sie durch ihr bloßes Mitspielen Leben und Fantasie ein. Eines Tages jedoch tauchen die unheimlichen grauen Herren von der sogenannten Zeit-Spar-Kasse in der Stadt auf und bringen immer mehr Menschen dazu, durch schnelleres Arbeiten und den Verzicht auf "Unnützes" Zeit zu sparen. Doch in Wirklichkeit stehlen sie den Menschen ihre Lebenszeit, von der sie sich ernähren. Einzig Momo scheint immun zu sein gegen die Macht dieser grauen Herren - und so liegt es an ihr, mit Hilfe des geheimnisvollen Meister Hora und seiner Schildkröte Kassiopeia die grauen Herren aufzuhalten und ihre Freunde zu retten.

"'Siehst du, Momo', sagte er dann zum Beispiel, 'es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. [...] Und dann fängt man an sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. [...] Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Mann muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.'"

Gedanken zum Buch:

Je mehr ich über das Buch nachdenke, desto mehr denke ich, dass es zwar offiziell ein Jugendbuch ist, aber genauso auch für Erwachsene geschrieben. Zum Einen befinden sich darin Anspielungen, die 12-jährige Kinder in der Regel nicht verstehen (z.B. kommt in einer Geschichte in der Geschichte der Tyrann Marxentius Communus der Rote vor), zum Anderen sprechen auch die große Thematik sowie mehrere untergeordnete Handlungspunkte sowohl kindliche als auch erwachsene Leser an, wenn auch teilweise aus unterschiedlichen Gründen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als neunjähriges Kind eines alleinerziehenden, berufstätigen Vaters von diesen Kindern gelesen habe, deren Eltern vor lauter Zeit-Sparen keine Zeit mehr für sie hatten - und wie ich mich jetzt, als 25-Jährige, die sich oft viel zu viel Druck macht, ihre Zeit möglichst effektiv zu nutzen, um die bestmögliche Leistung zu erreichen, beim Lesen oft ertappt gefühlt habe. 

Kritik an der Leistungsgesellschaft ist ein großes Thema in MOMO: Erwachsene, die vor lauter Effizienzsteigerung keine Zeit mehr haben, ihr Leben zu genießen und Kinder, die zuerst von ihren Eltern durch teure, aber die Spielmöglichkeiten einschränkende Spielsachen für die fehlende Zeit entschädigt werden und später in sogenannten "Kinder-Depots" nur noch Spiele spielen dürfen, bei denen sie etwas lernen, statt ihre Zeit mit Fantasiespielen zu vergeuden - das sind Probleme, die heute auf sehr erschreckende Art und Weise noch aktueller sind als zum Erscheinungsjahr des Buches 1973. 1973! Vor 45 Jahren schon hat Michael Ende auf diese Thematik aufmerksam gemacht, aber seitdem ist diese Welt nur noch schneller, lauter, leistungsorientierter geworden.

Das kam natürlich mit der rasend schnellen technologischen Entwicklung ganz automatisch, und ich möchte den Fortschritt auch gar nicht verteufeln: für das Internet beispielsweise, diese Möglichkeit, mich mit Gleichgesinnten überall auf der Welt auszutauschen, bin ich jeden Tag dankbar. Aber ich glaube, dass es gerade heute wichtiger denn je ist, ab und zu innezuhalten und sich zu fragen, wie man seine Lebenszeit nutzt. Denn:

"Niemand schien zu merken, dass er, indem er Zeit sparte, in Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte. Keiner wollte wahrhaben, dass sein Leben immer ärmer, immer gleichförmiger und immer kälter wurde. [...] Aber Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran sparten, desto weniger hatten sie."

MOMO und die Achtsamkeit:

Für mich persönlich bedeutet dieses Innehalten, mir bewusst Gedanken darüber zu machen, wie ich meine Zeit nutze. Denn ich finde nicht, dass Zeit, die man mit etwas verbringt, dass nicht immer unbedingt Spaß macht, automatisch verlorene Zeit ist (z.B. für Job, Schule, Studium). Verlorene oder gestohlene Zeit ist für mich die Zeit, bei der ich im Nachhinein nicht weiß, wo sie hin ist und womit ich sie verbracht habe. Aber ich entscheide mich bewusst dafür, 15 Stunden in der Woche mit Arbeit zu verbringen, die mir zwar keinen besonders großen Spaß macht, aber die mir die finanziellen Mittel verschafft, mir eine schöne Wohnung und eine einigermaßen gesunde Ernährung zu leisten, was für mich persönlich wichtig ist. Wenn ich auch gut damit leben könnte, mich von günstigen Fertiggerichten zu ernähren und in einer kleineren und weniger ruhigen Wohnung zu wohnen, würden vielleicht auch zehn oder sogar nur fünf Stunden Nebenjob in der Woche reichen. Ich setze diese Zeit bewusst ein, um einen gewissen Lebensstandard zu halten. 

Genauso möchte ich aber immer mehr versuchen, weniger Zeit für Tätigkeiten aufzuwenden, bei denen ich nur durch äußeren Druck das Gefühl habe, dass ich sie tun "muss": Jeden einzelnen Text lesen, um meine Dozenten nicht zu enttäuschen oder wochenlang für Klausuren zu lernen, um sie mit der Bestnote zu bestehen, zum Beispiel. Warum sollte ich jedes einzelne Modul mit 1,0 abschließen müssen? Insbesondere die Stunden, die ich mit Lernen für Veranstaltungen zubringe, die thematisch so wenig meinen Interessen entsprechen, dass ich mir nicht vorstellen kann, beruflich jemals in diese Richtung zu gehen, wären doch durch einen erholsamen Spaziergang im Wald oder ein Gespräch mit meinem Freund oder meinen Freundinnen viel besser genutzt. (merkt ihr, wie schwer es mir fällt, keine Sprache zu verwenden, die Leistung oder Effizienz impliziert - "nutzen" zum Beispiel? Das ist so sehr in mir verankert, da habe ich echt noch ein großes Stück Arbeit vor mir!)

Ein anderer Gedanke, der mir beim Lesen gekommen ist, war, Momo sozusagen als mein "inneres Kind" zu betrachten. Dies meine ich jetzt gar nicht so sehr im Sinne der Inneres-Kind-Arbeit mit Verletzungen aus der Vergangenheit, sondern in dem Sinne, dass dieses innere Kind der Teil von mir ist, der einfach in den Tag hinein leben darf, keine oder nur wenige Verpflichtungen hat, sich selbst nicht für das Nichtstun verurteilt und eine ausgeprägte Fantasie hat. Vielleicht ist das Geheimnis der Achtsamkeit, diesem kindlichen Teil der Seele öfter mal das Steuer in die Hand zu geben und den gestressten erwachsenen Teil mal für eine Zeit lang schlafen zu legen. Zumindest das einen Versuch wert.

Alle, die sich jetzt für die Geschichte interessieren, finden MOMO mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in ihrer Stadtbibliothek, bei dem/der Buchhändler*in des Vertrauens oder für wenig Geld gebraucht im Internet, z.B. bei MedimopsBooklooker oder Book Depository. (Dass es Bücher auch bei Amazon gibt, wisst ihr selbst, und ich empfehle es an dieser Stelle ausdrücklich NICHT!)

Kennt ihr MOMO? Ich interessiere mich sehr für eure Gedanken zu diesem Buch - insbesondere in Bezug auf das Thema Achtsamkeit!

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