Das erste Date (mit meiner Therapeutin)

Wollen Sie meine Psychotherapeutin sein?
Ja 𑂽 Nein 𑂽 Vielleicht 𑂽

Keine Angst, das ist nicht, was ich in der Mail geschrieben habe, in der ich meine höchstwahrscheinlich neue Therapeutin um einen Termin für ein Erstgespräch gebeten habe. Aber vom Nervositätsgrad her fühlt es sich sicher ungefähr so an, wie jemandem nach einem Date zu fragen.(nicht, dass ich damit irgendwelche Erfahrungen hätte - ich meine, ich kann nicht mal irgendjemanden nach der Uhrzeit fragen...) Und ist diese Nervosität wirklich verwunderlich? Schließlich ist man auf der Suche nach einer Person, der man Dinge anvertrauen kann, die man sonst niemanden erzählt - außer dem/der Partner*in vielleicht. Davon abgesehen gibt man, sobald man diesen Schritt geht, ja auch zu, das man Hilfe benötigt, was aus irgendeinem Grund ja vielen Leuten, mir zum Beispiel, total schwer fällt. (fast so schwer, wie keine komplizierten Schachtelsätze zu bilden - gewöhnt euch besser dran!)

Zurück zum Thema! Das Erstgespräch. Ich weiß nicht so genau, wie ich diesen Post aufbauen soll. Soll ich einfach ganz allgemein gehalten erzählen, wie so etwas abläuft? Oder von meiner spezifischen Erfahrung berichten? Oder beides? Beides ist gut.

Keine Ahnung, ob man das normalerweise so macht, aber in beiden bisherigen Fällen, die ich um ein Erstgespräch gebeten habe, habe ich das per Mail getan und in dieser Mail bereits ein wenig erzählt:  mein Alter, dass ich studiere, was meine Probleme sind, wie sie sich äußern und seit wann ungefähr sie auftreten, und was ich mir von der Therapie erhoffe. In der Mail, die ich jetzt geschrieben habe, habe ich außerdem erzählt, dass ich bereits eine Therapie gemacht habe, warum diese meiner Ansicht nach für mich nicht wirklich passend war und wieso ich denke, dass ein anderer therapeutischer Ansatz besser passen könnte.

Daher lief das Erstgespräch bei mir in beiden Fällen auch so ab, dass die Therapeutin das Gespräch auf dem aufgebaut hat, was ich ihr bereits geschrieben hatte und dazu weitere Fragen gestellt hat. Allgemein glaube ich, dass es normalerweise so abläuft, dass die Therapeutin oder der Therapeut viele und offene Fragen stellt, sodass man dazu gebracht wird, von sich zu erzählen. Die Fragen sind deshalb auch kein bloßes Abfragen von Symptomen, sondern zielen darauf ab, dass die Therapeutin oder der Therapeut ein Bild von der Person bekommt, die da vor ihr oder ihm sitzt. Zu erwarten sind also hauptsächlich Fragen nach der aktuellen Lebenssituation und der Vergangenheit bzw. dem (u.a. familiären) Hintergrund. Dabei können die "Patient*innen" (nennt man das so?) auch gleich feststellen, ob der/die Therapeut*in für sie eine Person ist, mit der sie über solche persönlichen Dinge sprechen können oder ob sie gleich merken, dass es für sie nicht passt.

Wenn die Therapeutin oder der Therapeut (ich werde ab jetzt nur noch "die Therapeutin" schreiben, das ist mir so zu umständlich. Nicht-weibliche Psychotherapeuten* sind natürlich trotzdem auch gemeint) dann bei dem, was ihnen erzählt wird, etwas aufschnappen, was sie als für die Behandlung potentiell relevant betrachten, haken sie da in der Regel noch einmal nach: so hat sich aus meiner Bemerkung "manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach aufhören könnte zu existieren" beispielsweise ein netter Exkurs zum Thema "Bin ich akut selbstmordgefährdet?" ergeben 😅*

Zeitlich könnt ihr euch beim Erstgespräch und eigentlich auch bei den darauffolgenden "normalen" Sitzungen in der Regel so auf 60 Minuten einstellen. Sitzungen können zwar auch aufgeteilt oder zusammengelegt werden, aber ich glaube, eine Stunde ist die übliche Dauer. Gegen Ende des Erstgesprächs hat bei mir die Therapeutin jeweils nochmal ein bisschen zusammengefasst, was ich ihr so erzählt habe, um sicherzugehen, dass sie alles richtig verstanden hat und dann erklärt, wieso sie der Meinung ist, dass die Therapieform, die sie anbietet, da helfen kann. Wichtig ist hier aber, dass die endgültige Entscheidung immer bei dem- bzw. derjenigen liegt, der/die die Therapie machen möchte. Niemand kann euch zu einer Therapie oder einem bestimmten therapeutischen Verfahren zwingen. Die Entscheidung müsst ihr aber auch nicht sofort treffen. In der Regel gibt es ein paar Probesitzungen, bevor ein Vertrag unterschrieben und ein Antrag bei der Krankenkasse gestellt wird. Die einzige Entscheidung, die ihr nach dem Erstgespräch treffen müsst, ist die, ob ihr meint, dass sich weitere Probesitzungen lohnen, oder ob ihr bei dieser Therapeutin ein so schlechtes Gefühl habt, dass ihr denkt, das macht keinen Sinn.

Und wie lief nun mein Erstgespräch? Es begann irgendwie doof, weil ich leider unfähig war, die Haustüre in dem Gebäude zu öffnen und die Therapeutin deswegen extra aus dem dritten Stock herunterkommen musste, um mir die Tür zu öffnen. 🙈 Aber das war mir nur für erstaunlich kurze Zeit unangenehm. 

In der Praxis selbst habe ich mich gleich sehr wohl gefühlt. Sie war auf eine minimalistische Art und Weise sehr gemütlich und einladend. Und aus dem Fenster hat man einen tollen Ausblick über die Stadt. In der Praxis meiner alten Therapeutin und auch in meiner Wohnung, die beide im Erdgeschoss liegen, sieht man aus den Fenstern nur die Häuser gegenüber, und da fühle ich mich immer irgendwie eingeengt und einfach nicht wohl. Allein durch den Blick auf Bäume und das Gefühl, über der Stadt zu stehen anstatt mittendrin zu sein, habe ich mich gleich irgendwie befreit gefühlt. 

Das Einzige, was mir irgendwie unangenehm war, war dass die Therapeutin und ich uns in Sesseln direkt gegenüber saßen, ohne einen Tisch oder so etwas zwischen uns, wohinter ich mich hätte "verstecken" können. Ich weiß, dass das wahrscheinlich Absicht war, um eine offene Atmosphäre zu schaffen, aber irgendwie fehlt mir da immer die Sicherheit....deshalb fand ich zum Beispiel in der Schule oder so Stuhlkreise auch immer total schlimm...ich fühle mich da den Blicken der anderen irgendwie ausgeliefert. Aber das ist wahrscheinlich auch Gewöhnungssache.

Mit der Therapeutin kam ich sehr gut klar. Sie ist noch recht jung, oder sieht zumindest so aus. Meine erste Therapeutin wirkte von ihrem gesamten Auftreten her sehr wie eine Lehrerin: schon freundlich, aber auch irgendwie einschüchternd. Und da ich eh dazu tendiere, mich anderen grundsätzlich unterlegen zu fühlen, ist ein geringerer Altersunterschied zwischen der Therapeutin und mir, glaube ich, für mich ganz gut, um ihr mehr auf Augenhöhe begegnen zu können. Natürlich ist mir trotzdem klar, dass es ein professionelles Verhältnis ist und ich werde sie nicht mit einer Freundin verwechseln, aber ich glaube, dass ich mich so besser öffnen kann. 

Nach Ablauf der Sitzung haben wir uns dazu entschlossen, noch eine weitere Sitzung zum besseren Kennenlernen zu vereinbaren. In dieser Sitzung werden wir dann auch darüber sprechen, welches der beide therapeutischen Verfahren, die sie anbietet (Analytische oder tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie) in meinem Fall besser passt. Sie hat mir auch zwei Informationsbögen über Psychotherapie im Allgemeinen sowie die Rahmenbedingungen der Behandlung in ihrer Praxis und einen Symptomfragebogen mitgegeben, die ich bis zum nächsten Termin in zwei Wochen durchlesen bzw. ausfüllen soll. 

Ich hoffe, dass ich mit diesem Post allen, die mit dem Gedanken an eine Psychotherapie spielen, ein wenig die Angst vor einem furchtbar unangenehmen Erstgespräch nehmen konnte. Wenn ihr noch Fragen zum Erstgespräch oder zur Therapie im Allgemeinen habt, könnt ihr sie mir gerne hier oder auf Instagram (als Kommentar oder per Nachricht, wie ihr wollt) stellen. Je nachdem wie viele das werden beantworte ich sie dann direkt oder sammle sie für einen Therapie-FAQ-Post. Aber ich mache mir hier nichts vor, so viele Fragen werden es nicht werden 😂

Eine wundervolle Woche wünsche ich euch! 💛

* 1. Bitte macht euch keine Sorgen. Zumindest diesbezüglich ist bei mir alles okay. 2. Über meine psychischen Probleme in lustigem Ton zu schreiben oder zu erzählen, ist meine Art, mit ihnen umzugehen. Bitte denkt nicht, dass ich psychische Erkrankungen oder insbesondere das Thema Selbstmord nicht ernst nehme. Falls ihr euch dadurch verletzt oder abgewertet fühlt, sagt mir bitte Bescheid, dann gebe ich in Zukunft mein bestes, mich damit zurückzuhalten!



Share:

0 Kommentare

Ich freue mich über deine Gedanken! :)